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Jeff Beck in Bonn – Museumsplatz

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Es ist nicht allzu lange her, da ist die alljährliche Open-Air-Konzertreihe auf dem Bonner Museumsplatz ins Gerede geraten, und wer denn das bezahlen solle. Und dann gibt es Abende, da darf man froh sein, dass es sie immer noch gibt. Am Montagabend war Jeff Beck mal wieder da, der englische Rockgitarrenmeister hat hören lassen, was er sich seit seinem letzten Gastspiel vor vier Jahren alles wieder ausgedacht hat. Am Ende waren fast alle zufrieden: die Zuhörer, von denen manche einen geradezu erleuchteten Eindruck machten, die fabulöse Band und Meister Beck selbst, der ganz gegen seine Gewohnheit zum Publikum; sprach und von einer „special night” zu berichten wusste.

Ein spezieller Abend,,das war es gewiss. Jeff Beck ist inzwischen 66 Jahre alt. Dass er sich mit schwarzer Lederhose, weißen Stiefeln und weißer Glitzerjacke immer noch kleidet wie ein Rockstar, könnte seltsam wirken – wenn er nicht in jeder Pore ein Rockstar wäre. Die großen Gitarrenposen – Beck zeigt sie alle. Und während bei gleichaltrigen Blues-Musikern gerne gelobt wird, dass sie endlich zum Wesentlichen gefunden haben und dass doch ein einziger Ton in Wahrheit mehr sage als hundert schnelle Skalen, behauptet Beck mit jeder Faser seines schlaksigen Körpers -das Gegenteil: schneller, lauter, schöner. Dies ist das Credo seines Spiels.

Beck spielt an diesem Abend einiges alte Material ebenso wie einige Stücke aus seinem neuen Album „Emotion and Commo-tion”, er hat erneut eine fantastische Band dabei. Neben seinem Stamm-Keyboarder Jason Rebello sorgen der McLaugblin-er-probte Narada Michael Waiden am Schlagzeug und Rhonda Smith, die ihre Funk-Lehre bei Prince und George Clinton absolviert hat, für großes Raunen im Publikum mit ihren ebenso komplexen wie mitreißenden Solo-Einlagen. Aber dies war ein Gitarrenkonzert.

Es ist langweilig zu behaupten, aber erneut hat Beck sein Arsenal an gitarristischen Ausdrucksformen erweitert. Bei einigen der harten Stücke, in denen sich auf das Vorbildlichste Led-Zeppelin-artige Riffs und die melodiöse Raffinesse des Mahavishnu-Orchesters vorbinden, fällt sein Spiel permanent von einem Extrem ins nächste. Das Ergebnis sind dann Töne, die in ihren Platz in der Melodie hineinrutschen, ohne einen konturierten Anfang gehabt zu haben, das Anschwellen der Töne passiert aber nicht nur über wachsende Lautstärke, sondern auch linear, das heißt: die Töne fallen aus einem anderen harmonischen Umfeld in die beabsichtigte Tonhöhe hinein.Dieses vollständig Beck-eigene Mittel wird ergänzt durch den exzessiven Gebrauch all der Möglichkeiten einer elektrischen Gitarre in maximaler Lautstärke. Die Van-Halen-Flageoletts – die ziemlich schwer zu erzeugenden, getupften und schneidend scharfen Töne oben in Halsnähe setzt er fast so schockierend effektiv ein wie der große, seit Jahren aber verstummte Meister aus Pasadena/Kalifornien. Dem er zwar auch einige Tricks aus dem beid-händigen Tapping-Arsenal entliehen hat, dem er aber inzwischen wieder deutlich berlegen ist; Wa» Feuer, Kraft und musikalische Herzensbildung angeht. Immer wenn man bedtuM, dass seine Tonauswahl wohl leider „nur” dem musikalischen Kontext folgen wird, tut sie genau das nicht. Beck im vollen Flug vermittelt den Eindruck vollständiger Freiheit.

Hin und wieder steht Beck nach einem Stück vor dem Publikum und scheint schüchtern zu fragen: „Und, wie war ich?” Es war gut, Herr Beck.

Jeff Beck – Cause We\’ve Ended As Lovers

Das perfekte Dinner: Wein für 1,19€ und 68b

Posted by admin under essen + trinken, kultur (No Respond)

1 Liter guter Wein für 1,19€? Von ALDI!? Das hört sich an, als würde in der Zeitschrift „Auto Motor Sport“ der Trabbi mit einem Mercedes verglichen. Ein Blick in die entsprechenden Weinforen im Internet bestätigt so-fort und umgehend alle Kritiker: „Wein vom Discounter? Das geht gar nicht!“ Geht doch. Warum? Es gibt für jeden Wein eine Gelegenheit, wenn nicht sogar DIE Gelegenheit, und wie sagte schon Hajo Friedrichs, der legendäre Journalist: „Was den Deutschen zur Kultur fehlt ist ein guter Tafelwein für 3 Franc (ca. 1€).“ Dank der Lebensmitteldiscounter ist diese kulturelle Lücke gefüllt (Link: ALDI).

Gewiss haben alle Weinfreunde, –kenner, Hobby- und Profisommeliers eine so feine Zunge, einen so feinen Gaumen, dass sie sich per se weigern würden den ALDI Wein auch nur zu verkosten. Das ist letztendlich die Arroganz der Wissenden.

Man lese nur dies: „Ein Labottière von Cordier … taugte allenfalls noch für eine Salatsoße.“ „Der stand wieder wie eine Eins im Glas. Ein sensationeller Rotwein mit leicht ins Exotische gehender Üppigkeit, irrer Komplexität und Länge, ohne jedes Alter. Hält mit großen Burgundern spielend Schritt.“ „Der Wein besaß eine dichte Farbe mit leichtem Braunrand, in der Nase war er verdammt reif mit zunächst deutlichem Liebstöckel. Im Glas wurde er dann immer besser, nicht ohne Charme, aromatisch, weich und trank sich recht schön auf  85/100 Niveau.“ „Was für ein spannender, tiefgründiger Wein, relativ helle, aber brillante Farbe. Die Eleganz und Grazie eines gereiften Burgunders gepaart mit der Rustikalität eines Chateauneufs. Immer noch etwas Kirschfrucht und viel Lakritz, Veilchen, sowie erdige und kräuterige Noten.“

Selbstverständlich ist ein guter Wein ein guter Wein und verdient auch die entsprechende Wertschätzung. Der Umkehrschluss, dass ein billiger Wein nicht trinkbar wäre, ist hingegen nicht zulässig, auf die Situation kommt es an, auf den Kontext.

Es gilt nun an dieser Stelle, Vorurteile über Bord zu werfen und sich auf ein Experiment einzulassen:
Pizza 68b mit dem Rotwein „Le Rouge“.
Zum Aperitif und für danach Prosecco. Alle verwendeten Zutaten gibt´s bei ALDI (*). Das im Folgenden Beschriebene ist ein rundum stimmiges und delikates Essen. Selbstverständlich können erfahrene Köche das selbe Menü auch komplett selbst zubereiten, die entsprechenden Rezepte befin-den sich auch in diesem Blog. Aber die einzigartige Stimmung dieses Re-zeptes können auch die besten Zutaten nicht einfangen. Manchmal muss es halt Currywurst sein, statt Kobe-Rind, oder 68b statt Witzigmann oder Dieter Müller. Hier nun das Original-Rezept:

Zutaten:
1 Flasche Rotwein Le Rouge – 1,19€
1 Pizzaboden – 1,79€
1 Paket Spaghetti 0,29€
1 Glas Nudelsauce Bolognese 0,75€
1 Tüte geriebener Pizzakäse 0,99€
2 Flaschen Prosecco á 1,49€ > 2,98€.

Pizza 68b? Was ist das denn? Nun ganz einfach: Pizza Bolognese mit Spaghetti. Nun ja, der ein oder andere wird jetzt die Nase rümpfen – wie so viele vorher. Doch nahezu jeder, der einmal eine 68b probiert hat, wird sich immer wieder eine bestellen.
Ein italienisches Restaurant in Köln führte auf seiner Karte – in der Rubrik für Spezialitäten, unter der Nummer 68b – eben diese Pizza auf. Eine erste Bestellung und allgemeines Kopfschütteln bei der Tischgesellschaft. Angesichts der Pizza wollte jeder am Tisch probieren! Schon beim nächsten Mal bestellte sich die Mehrheit eine 68b. So beginnen echte Erfolgsstories. Zumindest im Großraum Köln ist 68b inzwischen eine berüchtigte Bestel-lung bei Pizzataxis.
Wie gesagt, einfach mal ausprobieren. Die Zubereitung ist kinderleicht (Selbst für diejenigen, die die Küche nur betreten um morgens Kaffee zu kochen und abends um nachzuschauen ob das Licht aus ist), darüber hinaus ist das Menü sehr originell, was an sich schon den Erfolg des Dinners ausmachen wird. Im Folgenden nun eine detaillierte Beschreibung des Kochvorgangs:

Zunächst Musik. Für die Zeit der Zubereitung empfehlen wir:
Allman Brothers Band; CD: Eat a peach, Titel: Mountain Jam. (1)
Dieses Instrumentalstück dauert 33:43 Minuten, wenn vorbei sollte das Essen fertig sein (weiter unten noch andere Musiktipps für den Rest des Abends…).

Also Musik einschalten, Backofen vorheizen (15 Minuten, 200°; Näheres siehe Packung).

Zu Beginn des Orgelsolos (nach ca. 5 Minuten) in einem Topf gut 1,5 Liter Wasser zum Kochen bringen (leicht gesalzen = 1 Esslöffel Salz). Danach den Pizzateig, wie auf der Packung beschrieben auf dem Backblech ausrollen und die mitgelieferte Sauce auf dem Teig verteilen. Schön an dieser Stelle die Bemerkung auf der Packung: „Nun ist Ihre Kreativität gefordert.“ Ihr Vorteil, sie wissen, wie es weiter geht.

Sobald das Schlagzeugsolo beginnt (nach 13:13 Minuten) sollte das Wasser im Topf kochen, also die Spaghetti hinein und kochen lassen bis sie al dente sind. Danach das Backblech mit dem Pizzateig (inkl. der mitgelieferten Sauce) in den Backofen schieben. Genau jetzt sollten nämlich die 15 Minuten Vorheizzeit des Backofens `rum sein.Die Nudeln sind perfekt wenn das Bassgitarrensolo zu Ende ist (21:57 Minuten) und das Hauptthema wieder beginnt. Nun die Spaghetti abgießen, leicht in Olivenöl schwenken und zunächst zurück in den Topf.

Danach das Backblech mit der Pizza aus dem Ofen holen und darauf die Bolognesesauce aus dem Glas verteilen. (Tipp: etwas Sauce kann im Glas bleiben, da zudem auch nicht alle Nudeln gebraucht werden reichen die Reste für den nächsten Tag und   1 x Spaghetti Bolognese). Anschließend die ganze Pizza gut mit Spaghetti bedecken und darüber den geriebenen Käse verstreuen. Alles ganz in Ruhe, ohne jede Hektik und das Backblech wieder zurück in den Ofen.
Auf der CD beginnt jetzt noch einmal das Hauptthema (28:00 Minuten), es bleibt noch genug Zeit den Tisch zu decken, den Wein zu entkorken und mit dem Gast ein Glas Prosecco zu trin-ken. Wenn die Musik zu Ende ist, ist die Pizza fertig und kann serviert werden. Guten Appetit.

Zu diesem Essen eignet sich der Rotwein LeRouge hervorragend und als Musik wird empfohlen: Rick Wakeman, CD: Return to the Centre of the Earth (2). Für dieses Dinner die perfekte Begleitung. Unterschiedliche Musikstile von „klassisch“ über „Pop“ und „Rock“ bis hin zu „Heavy Metal“ und alles miteinander verbunden von der sagenhaften Stimme Patrick Stewards. Welch erotische Stimmung eine Stimme verbreiten kann!

Apropos Erotik. Nach dem Essen (die CD dauert 67 Minuten) wird empfohlen, ein weiters Glas Prosecco (der im Übrigen sehr kalt sein sollte) zu trinken. Aufmerksame Leser werden jetzt fragen, wofür denn nun die zweite Flasche Prosecco gedacht ist. Nun, die sollte eigentlich im Bett ge-trunken werden. Denn wer jetzt noch nicht dort gelandet ist, hat etwas grundlegend falsch gemacht. Auch hierfür haben wir einige Musikstücke – Dauer 2 Stunden – zusammengestellt. Hier empfiehlt es sich (unbedingt Reihenfolge beachten) MP3 Dateien zu verwenden. Oder wollen Sie nach einer Stunde aufstehen und die Platte/CD wechseln, denn eigentlich sind Sie ja mit anderen Dingen beschäftigt:

Jeff Beck & Yardbirds: Heartful of Soul (3) 2.29 / 2.29
Jeff Beck: People Get Ready (mit Rod Stewart) (3) 4.56 / 7.25
Beck, Bogart & Appice: Oh To Love You (4) 4.06 / 11.31
Jeff Beck: Definetly Maybe (3) 5.03 / 16.34
Beck, Bogart & Appice: Sweet Sweet Surrender (4) 4.02 / 20.36
Jeff Beck: Tonight I´ll Be Staying Here With You (6) 4:59 / 25.35
Jeff Beck: Brush With The Blues (7) 6.24 / 31.59
Jeff Beck: Angel Footsteps (7) 6.31 / 38.30
Jeff Beck: Declan (7) 5.02 / 42.32
Jeff Beck: You Know, We Know (9) 5.35 / 48.07
Jeff Beck: Suspension (10) 3.20 / 51.27
Jeff Beck: Nadia (10) 3.50 / 55.17
Jeff Beck: `Cause We´ve Ended As Lovers (3) 5.42 / 1.00.59
Jeff Beck: Goodbye Pork Pie Hat (3) (8) 5.27 / 1.06.26
Jeff Beck: Scatterbrain (5) 5.40 / 1.12.06
Jeff Beck: Diamond Dust (3) (5) 8.22 / 1.20.28
Jeff Beck: The Golden Road (13) 4.58 / 1.25.26
Jeff Beck: Two Rivers (14) 5.25 / 1.30.51
Jeff Beck: Why Lord Oh Why (9) 4:41 / 1.35.32
Jeff Beck: Love Is Green (8) 2.30 / 1.36.02
Jeff Beck: Where Were You (3) (14) 3.16 / 1.39.18
Jeff Beck: Ol´Man River (11) 4.01 / 1.43.19
Jeff Beck: Love Is Blue (15) 2.59 / 1.46.36
Jeff Beck: A Day In The Life (12) 4.40 / 1.51.16
Jeff Beck: JB´s Blues (9) 4.20 / 1.55.36
Jeff Beck: The Final Peace (13) 3.40 / 1.59.16
Jeff Beck: Another Place (7) 1.48 / 2.01.32
Jeff Beck: Blackbird (10) 1.27 / 2.02.59

*) Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass auch andere Anbieter ähnliche Produkte im Sortiment haben – wer suchet der findet.

Diskografie:
1 The Allman Brothers Band, Eat a Peach
Audio CD
Label: Capricorn (Universal)
ASIN: B000003CMC

2 Rick Wakeman, Return To The Centre Of The Earth
Komponist: Rick Wakeman
Künstler: Rick Wakeman
Audio CD (26. März 1999)
SPARS-Code: DDD
Label: EMI Classi (EMI)
ASIN: B00000IL1O

3 Jeff Beck, Beckology
Audio CD (9. April 1998)
Anzahl Disks/Tonträger: 3
Format: Box-Set
Label: Epc (Sony BMG)
ASIN: B000024Z0P

4 Beck Bogert Appice, Beck Bogert Appice
Audio CD (5. Januar 1995)
Label: Sis (Sony BMG)
ASIN: B00000250G

5 Jeff Beck, Blow By Blow
Audio CD (18. Mai 1999)
Label: Epc (Sony BMG)
ASIN: B00000JAWX

6 Jeff Beck Group, Jeff Beck Group
Audio CD (15. Juni 2005)
Label: Japan (Megaphon Importservice)
ASIN: B0006GAZL2

7 Jeff Beck, Who Else!
Audio CD (16. März 1999)
Label: Epc (Sony BMG)
ASIN: B000023Y9M

8 Jeff Beck, Wired
Audio CD (2. März 2005)
Label: Japan (Megaphon Importservice)
ASIN: B0006TPHTY

9 Jeff Beck, Jeff
Audio CD (4. August 2003)
Label: Smi Epc (Sony BMG)
ASIN: B0000A4XXO

10 Jeff Beck, You Had It Coming
Audio CD (1. September 2003)
Label: Epc (Sony BMG)
ASIN: B000051YBE

11 Jeff Beck Group, Truth [Original Recording Remastered]
Audio CD (13. Mai 2005)
Format: Original Recording Remastered
Label: EMI (EMI)
ASIN: B0007XH5OY

12 George Martin, In My Life
Audio CD (6. September 1999)
Label: Roadrunner (Universal)
ASIN: B00002DEWY

13 Jeff Beck, There and Back
Audio CD (3. August 1998)
Label: Epc (Sony BMG)
ASIN: B0000247OJ

14 Jeff Beck, Guitar Shop
Audio CD (1. Dez. 2003)
Label: Import (Megaphon Importservice)
ASIN: B0000026KQ

15 Jeff Beck, The Gold Collection featuring Rod Steward
Audio CD (28. September 1996)
Label: EMI (EMI)
ASIN: B000006X4S

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Art Cologne: Diagnose Magersucht

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Art Cologne – Magersucht befällt die Mutter aller Kunstmesse

Gerard Goodrow nimmt den Hut, vermeldete DPA am 28.1.2008. Bekannt wurde damit ein weiteres Kapitel der langen Krankengeschichte der Art Cologne. Verwundert hat die Trennung der Koelnmesse von Gerard Goodrow, dem Geschäftsführer der Kunstmesse, niemanden: einflussreiche Galeristen hatten sich vehement über den Be-deutungsverlust der über 40-jährigen “Mutter aller Kunstmessen” beschwert.

Die Art Cologne verlor in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung, New-comer kratzten an ihrem Image und während andernorts Kunstmärkte florierten, ver-blasste der Kölner Stern.
“Ungerecht” nennt es jedenfalls die örtliche Kulturpresse, den Bedeutungsverlust der Art Cologne Goodrow allein anzuhängen, der vor gut vier Jahren vom Auktionshaus “Christies” wegen seiner exzellenten Kontakte zur Sammler- und Galeristenszene als “Hoffnungsträger” an den Rhein geholt worden war.
Der auf Druck des Handels eingeführte, aber immer noch kontrovers diskutierte neue Frühjahrstermin, der Umzug in sterile Messehallen und der Hype, den etwa der Art-Basel-Ableger in Miami auf die Schönen und Reichen der Welt ausübt, stehen außer-halb des Einflusses von Goodrow. Dies gilt auch für den kommunalen Geldmangel, der die Kölner Museen seit langem hindert, die in anderen Messemetropolen üblichen attraktiven Kunstausstellungen zur Markt-Zeit auszurichten.

Die Krise der Art Cologne ist jedoch hausgemacht und gründet auch in der Zeit vor Goodrow. Ein Blick zurück lohnt.
In ihrer erfolgreichsten Zeit, so um den Milleniumswechsel, belegte die Art Cologne die alten Rheinhallen 1,2 und 3 der Kölner Messe und zwar Unter- und Obergeschoss. Nicht zu vergessen die angrenzende Halle 5. Die Ausstellerzahl betrug roundabout 300, der Besuch war gut.
(Leider) Ungefragte sind auch heute noch der Ansicht, dass die damalige Mischung der Exponate und Galerien das besondere Flair der Messe ausmachte. Im ruhigen Obergeschoss der Rheinhallen, die etablierten Galerien mit etablierter Kunst, gegen-über in der Halle 5 junge und wilde Kunst.
Doch all die Jahre, als die Art Cologne erfolgreich war gab es ständig Klagen. Legen-där die damalige Redakteurin des Kölner Stadt Anzeigers, Armine Haase. Sie monierte ständig, die Art Cologne sei zu groß, zu unübersichtlich und ohne bleibende orthopä-dische Schäden nicht zu erschließen. Kunstjournalisten müssen eine besondere Spezies sein. Kollegen aus anderen Ressorts haben beispielsweise auf einer Internationalen Funkausstellung oder Cebit eine wesentlich größere Ausstellungsfläche zu bewältigen, natürlich auch eine ums Vielfache höhere Anzahl an Exponaten. Da jedoch die Kolle-gen anderer Zeitungen und Magazine sich ähnlich äußerten führte diese anhaltende Kritik zu einer kontinuierlichen Abspeckung an ausstellenden Galerien. Magersucht auf Kölsch.
Aus Sicht der Galeristen, die auch immer eine schlankere Messe wünschten, mag dies noch verständlich sein. Sind die Chancen rote (Verkaufs-)Punkte an die Exponate hef-ten zu können mathematisch – logisch höher wenn die Konkurrenz numerisch ab-nimmt. 300 potentielle Kunden könnten bei 300 Ausstellern nur einen Verkauf je Ga-lerie ergeben, bei der Hälfte an teilnehmenden Galerien (wie für 2008 geplant) ver-doppelt sich somit die Chance auf Verkäufe.

Zu kurz gesprungen. Der Erfolg der Art Cologne – ehemals – gründete vor allem in ihrem Image, dem Image das breite Spektrum gegenwärtiger Kunst wiederzuspiegeln. Der notorische „Kölner Klüngel“ unter den Galeristen wird dazu führen, dass viel Spannendes und Aufregendes nicht in Köln ausgestellt wird. Wohlfeile und elitäre Ga-lerien werden wohlfeile und elitäre Kunst präsentieren. Aus dem Blick verloren haben die Veranstalter der Art Cologne nämlich den modernen Kunstinteressierten. Ihnen schwebt immer noch der klassische Kunstsammler vor, der durch die Ausstellung schlendert und sich für Picasso oder Schmidt-Rottluff interessiert und nebenbei einen Chagall ersteht. Geschmack jedoch verändert sich, die heutigen potentiellen Kunst-käufer entstammen einer Generation, die früher PopArt Poster an den Wänden hatte oder Plattencover rahmte.
Das Angebot der Art Cologne muss moderner werden, ebenso wie das der Kölner Ga-lerien.

Neuerungen wurden in der Vergangenheit in Köln viele eingeführt, gegriffen hat nichts. Besonders negativ wirkte sich der Umzug in die neuen Ausstellungshallen aus. Das, für eine Kunstmesse unvergleichlich perfekte, Ambiente der alten Rheinhallen steht nicht mehr zur Verfügung. Die Koelnmesse machte nun gleich mehrere Fehler. Bei der Planung für das neue Messegelände hat wohl niemand daran gedacht, dass auch diverse Kunstmessen zum Portfolio der Koelnmesse gehören. Dies hätte bei der Planung berücksichtigt werden können und eine attraktive Ausstellungsfläche geschaf-fen werden können. Die jetzigen Ausstellungshallen der Art Cologne sind nicht geeig-net für eine Kunstmesse. Allein der verschachtelte Zugang, die unglücklich mitten im Gelände gelegenen sterilen Hallen, die wenig einladende Parkplatzsituation, die noto-risch unfreundlichen Parkwächter: das Ambiente stimmt einfach nicht. Unfreundlich auch die Atmosphäre in den Hallen. Die Innenarchitekten haben offenbar kein Gefühl für Kunst und ihr Publikum. Wo sonst wird eine Champagnerbar direkt vor dem Zu-gang zur Toilette aufgebaut? Das Catering in den Kölner Messehallen ist weit über die Art Cologne hinaus als schlecht und zu teuer bekannt. Wenn jetzt auch noch eine der vier Ebenen wegfällt, werden die Gastalter der Ausstellung wieder die in Köln so be-liebten Betttücher über die gesperrten Treppen spannen, die auf unnachahmlich ästhe-tische Weise auf nicht genutzte Ausstellungsflächen verweisen.

Auch die Atmosphäre stimmt nicht mehr. Besucher der Vernissage glauben mitunter im Karneval gelandet zu sein. Seit die Koelnmesse zur Vernissage Freibier ausschenkt, versammeln sich die Besucher mehr um die diversen Bars anstatt in den Kojen der Galerien. Und: jederzeit muss damit gerechnet werden, dass die dort Versammelten Lieder lustiger Schnauzbarträger – genannt Höhner – anstimmen. Für eine Vernissage eine wahrhaft befremdliche Stimmung. Gerade einem Kölner Unternehmen sollte be-kannt sein, dass der Rheinländer „bei lecker Kölsch“ spontan alles um sich herum ver-gisst. Obwohl, die Vernissage ist keine wirkliche mehr. Direkt nach der Eröffnungs-pressekonferenz gibt es den so genannten Professional-Preview, die Vernissage vor der Vernissage. Jeder Intendant eines Theater würde umgehend entlassen, wenn er, während das Premieren-Publikum ins Theater strömt, im Foyer noch plaudert oder die ersten Plätze besetzt, schon einmal auf der Bühne das Stück spielen ließe.
So sind die Kölner Hallen schon gut besucht, während hier und dort noch Bilder auf-gehängt werden, oder noch die Staubsauger röcheln. (link SZ) Eine Verbindung einer-seits zwischen Freibier und einer gut besuchten Vernissage und andererseits leeren Messehallen an den übrigen Tagen herzustellen verbietet die Höflichkeit.

Bleibt die Frage ob die Art Cologne noch gerettet werden kann? Möglich wäre dies schon, doch sind die Beteiligten dazu in der Lage? Der Koelnmesse kann dies nicht zugetraut werden. Zu opportunistisch hat sie in der Vergangenheit auf jedwede Kritik reagiert und mit der Intention es allen Recht zu machen eine klare Linie vermissen las-sen. Auch fehlt im Management der Messe die Person, die ein Gefühl für Kunstmessen hat, die erfolgreiche Art Cologne möglicherweise noch erlebt hat, um stringent das schlingernde Schiff auf einen stabilen Kurs zu bringen. Die größte Gefahr für die „Mut-ter aller Kunstmessen“ geht jedoch von den beteiligten Galerien aus. Eitelkeiten, Kon-kurrenzneid und eben der typische Kölsche Klüngel verhindern echte notwendige Re-formen. Es sieht nicht gut aus.

(meinolf bauer / dpa)

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Alpenpässe

Posted by admin under reisen (No Respond)

 

Wer nach Italien, Frankreich oder die Schweiz unterwegs ist, sollte sich einen Abstecher von der schnellsten Route gönnen. Die kurvigen Alpenpässe sind schöner und lassen den Urlaub mit der Fahrt beginnen. Hier ein paar Beispiele.

Wer einmal eine der zahlreichen Passstraßen in den westlichen Alpen erlebt hat, wird sich zukünftig überlegen, ob er nicht auf der Hin- oder Rückfahrt nicht mindestens eine Übernachtung in der Nähe der prächtigen Alpenmassive einplant. Nach Italien oder Südfrankreich geht es nicht über Autobahnen und durch endlose Tunnelröhren allein. Wer will, kann einige der schönsten Passstraßen der Alpen auch miteinander kombinieren und die Region selbst als Urlaubsziel wählen. Es muss ja nicht immer die sonnige Küste sein. Einige Wege sind sogar kürzer als die Autobahnen. Geschwindigkeitsrekorde lassen sich hier trotzdem nicht aufstellen. Entspannung, Zeit und Muße sind gefragt. Oft geht es weit über 2.000 Meter Seehöhe bis heran an die Baumgrenzen. Die Aussichten in die prächtige Natur sind schlicht phänomenal.
Fordernde Strecken, majestätische Bergwelt

Wunderschöne Landschaften

Wer sich den meist überfüllten Gotthardtunnel ersparen möchte, kann in Richtung Italien meist auch weiter östlich nach Mailand kommen. Der San-Bernadino-Tunnel ist bei Stau eine gute Ausweichroute und zumeist problemlos zu befahren. Wer will, kann kurz vor dem Tunnel jedoch rechts abbiegen und stattdessen die kurvige Passstraße unter die Reifen nehmen. An einen Zeitgewinn ist hier selbstverständlich nicht zu denken, denn der San-Bernadino-Pass ist vergleichsweise kurz und nur etwas für Urlauber mit viel Zeit im Gepäck. Immer wieder begegnen einem britische Altroadster und kurvenfreudige Motorradfahrer, die die letzten Kilometer auf dem Weg in Richtung Comer See genießen wollen.
Ein paar Kilometer weiter in Richtung Osten gibt es noch einen echten Geheimtipp: Der Splügenpass geht hinauf bis auf knapp 2.200 Meter. Der Pass verbindet bereits Italien und die Südschweiz. Bereits auf der Schweizer Seite geht es mächtig los. Die Höhenunterschiede auf den ersten Kilometern sind mächtig; insgesamt sind es bis zu 1.800 Metern. Doch aufpassen: Von Ausnahmen abgesehen ist die Grenze des Nachts gerne einmal geschlossen. Auch wegen der anspruchsvollen Kurven ist die Fahrt bei Tag eine gute Wahl.

Beim Fahren sollte man aber auch die schöne Natur vergessen
Der Simplonpass ist in der Alpenregion eine der bekanntesten Verbindungen. Ebenfalls liegt er an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Doch gibt es hier aus Interlaken kommend kaum Verkehrsprobleme. Viele haben vorher bereits die Autoverladung am Lötschbergtunnel hinter sich gebracht.
Nach ein paar Kilometern geht es weiter Richtung Simplon, immerhin bis auf 2.000 Meter hinauf. Der Simplon zeigt einem gerade bei schönem Wetter prächtige Ausblicke. Doch die engen Kehren hinauf oder herab sind nur etwas für Kurvenfans. Der Zustand der Straße ist oftmals nicht der beste.

Das Passdreieck in der mittleren Schweiz ist dagegen eine Strecke, die man einmal gefahren sein sollte. Die drei Pässe Grimsel, Furka und Oberalppass lassen sich problemlos kombinieren und das Herz jedes Motorradfans höher schlagen. Der Furkapass geht auf mächtige 2.400 Meter hinauf. Die Verbindungen zwischen Grimsel in Westen über Furka Richtung Muster ganz im Osten sind trotz ordentlicher Höhenunterschiede angenehm zu fahren. Die Ausblicke gehen in alle Richtung quer durch das prächtige Schweizer Bergmassiv. Die Straßen selbst sind eine eigene Tour wert. Schließlich hat die Strecke keine Transitverbindung. So ist es zumeist angenehm leer.

Nockalmstrasse – Für Männer und für Memmen
Im Sommer gemütlich, im Herbst verschärft. Wenn sich auf anderen Pässen noch die Fahrzeug-Schlangen drängen, sagen sich auf der Nockalmstrasse Porsche und Igel “Gute Nacht”.
Wenn man etwas erleben will, muss man sich manchmal in die Büsche schlagen. Also runter von der Autobahn. Auf dem weg nach Spittal heißt es an der Kremsbrücke “Schluss mit der Gemütlichkeit”. Über die Ortschaften Vorderkrems und Innerkrems fräst sich der Wagen über unzählige Kurven in die Nockberge. Nach den Siedlungen mäandert die Straße fordernd an einem Bach – das kleine, aber feine Skigebiet kann man für den Winter vormerken. Am Wegesrad wartet die Dr. Josef Mehrlhütte dunkel geschindelt mit rot-weißen Fensterläden. Das spätere Nachtquartier. Der Wagen will fahren und der Tag ist noch jung. Bei der ersten Abfahrt über den Ort “Bundschuh”, wird es Zeit langsam wach zu werden, die Kurven sind scharf, erstmals drückt der Wagen aus der Ideallinie. Gottverlassen bleibt die Strecke, bis sie auf die “95″ stößt. An guten Tagen erwischt man eine freie Fahrt, an schlechten schiebt man sich zur Turracherhöhe hinauf. Homo homine lupo – den Autofahrer ist der Autofahrer ein Gräuel. Nach der Höhe runterrauschen und Augen auf. Wenige Kilometer später geht’s es links in die Nockalmstrasse, dem Ziel unserer Sehnsüchte.
Fordernde Strecken, majestätische Bergwelt

Wunderschöne Landschaften
Beifahrer sollten für den kommenden Teil möglichst im Hotel entsorgt worden sein, sonst darf der Fahrer Wutausbrüche und Trennungsschwüre über sich ergehen lassen. Bislang war die Strecke fordernd genug, die Reifen sind warm und der Wagen sollte Gummi und Abrieb schwitzen. Nur der Schlagbaum trennt uns noch vom Glück. Ein Segen, denn die happige Maut hält die Mitmenschen fern. Gummijunkies und Suizidgefährdete greifen zur Mehrtageskarte.
Timing ist alles
Es gibt Zeiten für Softies und Zeiten für Hard-Core-Piloten. Nette Menschen fühlen sich wohl in der warmen Jahreszeit. Cruisen gemütlich die unendlichen Kurven hinauf, nehmen sich Zeit für einen Spaziergang am Rand oder kehren am höchsten Punkt ein zu Kaffee und Kuchen. Wenn Wille und Material für härtere Gangarten gemacht wurden, gilt es, Wander-Wonnen-Zeiten strikt zu vermeiden. Umgeben von Reisebussen kann auch der Entschlossenste nicht wirklich loslassen. In der Hochsaison muss man mit Bussen, Wandervögeln und Radfahrern rechnen – das sind allesamt schützenswerte Arten. Nur im Frühling und im Herbst ist die Schonzeit vorbei. Die Warmduscher bleiben im Bett und nur ganz Verrückte sind bereit, die Maut fürs Auto fahren zu bezahlen. Durchgangsverkehr gibt es sowieso nicht, die Nockalmstrasse führt für teuer Geld von nirgends nach nirgendwo. Der fahrerische Drang stößt im Herbst also nur an natürliche Grenzen, an Abgründe, Felsen und Bäume. Stoische Zeitgenossen, die sich auch vor viel PS nicht ängstigen.

Passendes Ambiente – Wetter tunt den Belag
Die Straße ist neu, breit genug um auch Gegenverkehr zu tolerieren, eine Herzenslust. Unsere Jahreszeit schärft den Belag gewaltig an. Heißer Sonnenschein auf einer Geraden, Bodenfrost im Forst, da zeigt sich was man kann. Hoffentlich kann. Vorausgesetzt man hat das richtige Fahrzeug dabei. Sparfüchse in der Hundert-PS-Klasse sollten lieber das Sommerwetter mitnehmen , der Kurs verlangt Leistung und will diesen nicht zu knapp spüren. Wer nach einer Überquerung nicht genug hat, sollte keine Angst vor Peinlichkeiten haben und die Strecke nach etwa 15 Kilometern wieder zurück nehmen. Oben auf der Höhe wartet ein Lokal mit grandioser Aussicht.
Uriger Hüttenzauber
Nachdem das solide Tagwerk am Steuer vollbracht ist, durchquert man den Schlagbaum. Hält sich rechts. Wer gehobene Entspannung sucht, sollte in einem Wellnesshotel in Richtung Turracherhöhe unterkommen. Kerniger geht es in der Dr. Josef Mehrlhütte zu, wenn sie dann geöffnet hat. Rauchen muss draußen, wer es nicht lassen kann, aber es gibt Bier am Tresen.
Ein wunderbarer Tag mit nur einer Gefahr: Immer an die Tankanzeige denken, wer auf der Nockalmstrasse liegen bleibt, sollte seine Wanderschuhe dabei haben.

Gotthard – Der Pass der Pässe
Wenn es einen Klassiker gibt unter den Alpenpässen, dann ist es der Gotthard. Seit 1830 rollen Räder jedweder Art über die Pass-Straße. Hier hatte selbst Napoleon mal ‘ne Schlacht geschlagen. Man sieht’s den Pflastersteinen an.

Den Gotthard-Tunnel kennt jeder, der schon mal vom Bodensee an den Lago Maggiore gefahren ist, ein 16 Kilometer langes, chronisch verstopftes Kanonenrohr, das täglich zigtausende Fahrzeuge von A nach B schießt. Wer sich aber etwas besonderes gönnen will, lässt die Röhre im wahrsten Sinn links liegen und fährt den Pass hoch ein verkehrstechnischer Anachronismus, ein kleines Abenteuer und ein martialischer Bremsentest (die Testfahrer aller deutscher Autohersteller haben eine Gotthard-Fahrt regelmässig im Programm), aber ein lohnenswerter Abstecher in eine Zeit, in der die Alpenüberquerung noch gestandene Männer und die entsprechenden Maschinen – erforderte.

Nimm die Natter

Es gibt Fahrtstrecken, die von B nach A schöner sind als umgekehrt (die kalifornische Highway One zum Beispiel ist dramatischer, wenn man sie von Norden nach Süden befährt), und der Gotthard zeigt sich von seiner besonders spektakulären Seite, wenn man von Airolo nach Göschenen klettert. Aber wichtiger als die Fahrtrichtung ist die Voranmeldung. Es gibt nämlich zwei Gotthard Pass-Strassen, die neue, geleckt asphaltiert und durch Tunnels und Galerien vor widrigem, den Touristenstrom nur störenden Steinschlag geschützt, und die alte, zum Teil noch gepflasterte, verwinkelte Landstrasse, die sich wie ein gichtkranke Kreuzotter den Berg hoch- und wieder runter schlängelt. Die moderne Version des Gotthard-Passes hat zwar durchaus ihre Reize – die Szenerie ist prächtig und bei klarer Sicht kann man die Dreitausender zählen.
Kurze Öffnungszeiten
Aber die wirkliche Schönheit und die geradezu unglaubliche Ingenieur-Leistung der Schweizer Straßenbauer, die vor über 170 Jahren die Strasse durch den Berg sägten zeigt sich auf dem alten Pass, der nur wenige Tage im Jahr für den öffentlichen Verkehr geöffnet ist, da selbst ein kurzer Regenschauer die Pflastersteine (ja, das gibt’s noch!) der alten Strasse in eine alpine Rodelbahn verwandelt. Trotzdem, mit ein wenig Vorausplanung und einem Anruf beim freundlichen Autoclub-Mitarbeiter ist die Fahrt ein historisches Erlebnis. Wie Anno Dazumal lässt man sich die Knochen durchrütteln und stellt sich vor, unter dem Kopfsteinpflaster liege die Alpenreduite, jenes legendenumwobene, unterirdische Bunkersystem, das im Zweiten Weltkrieg gebaut wurde und das die Alpen durchziehen soll und der Sage nach bis an den Genfer See reicht. Man passiert die Schöllenenschlucht, die früher mal die aus Holz gebaute und an Ketten abgehängte Teufelsbrücke überspannte, und schaudert am Urner Loch, an dem vor langer Zeit die russisch-östereichisch Armee vergeblich versuchte, Napoleon zu stoppen.
Die Tremola besorgt den Rest
Auf über 2000 Meter, auf dem Hochplateau, treffen sich beide Strasse, die alte und die neue am Hospiz am See, einem recht netten, wenn auch schlichten und meist von Touristen überlaufenen Gasthaus (mit Übernachtung, für den, der’s mag) mit eingebautem Museum, das den Besuch hauptsächlich deshalb lohnt, weil man nachher sagen kann, man wäre dort gewesen. Wer von Göschenen aus in Richtung Italien fährt und noch Mumm genug in den Knochen hat sollte bei Airolo die Autobahn vermeiden und die Landstrasse, die Tremola, weiter nach Süden nehmen. Die alte Strasse führt parallel zur Autobahn und Schiene über malerische Bergdörfer wie Altanca, Quinto, Osco und Mairengo bis hinunter nach Bellinzona.

Von Feldkirch nach Como, the hard way
Das ist keine Alpenüberquerung, das ist Hardcore-Passing. Hannibal selber hätte es sich nicht schwerer machen können. Schattenparkern empfehle ich Valium, Beifahrern Dramamin, aber glauben Sie mir, die Mühen – und die Drogen – lohnen sich. Eine atemberaubendere Strecke finden Sie selten.

Start der Strecke ist Feldkirch im Westen Österreichs. Zuerst einmal geht’s recht zivil über die Rheintal-Autobahn nach Bludenz, kurz nach Bludenz biegen Sie rechts ab Richtung Tschagguns. Halten Sie kurz an, öffnen Sie das Verdeck Ihres Kabrios und suchen Sie Ihre Daunenjacke. Das wäre auch der richtige Moment für’s Dramamin, sollten Sie das Abenteuer mit einem/r Beifahrer/in wagen. Ein paar Kilometer weiter wird’s langsam interessant. Sollte die Sonne scheinen (und Gnade Ihnen Gott, wenn nicht), haben Sie den ersten, genaueren Blick auf die Berge der Silvretta, allen voran den über 3000 Meter hohen Piz Buin. Noch können Sie umdrehen und wie alle anderen über die Autobahn schleunigst nach Italien reisen. Hinter Gaschurn jedoch gibt’s kein ehrenhaftes Zurück mehr. Knappe elf Euro verlangen die Ösis für die Befahrung der Silvretta Hochalpenstrasse, aber eine Achterbahnfahrt kostet heute auch nicht viel weniger, und hier ist das Geld besser angelegt: 32 Spitzkehren, knappe 1000 Meter Höhenunterschied und zwei bis drei Tässchen Adrenalin auf 26 Kilometer die Silvretta zählt nicht umsonst zu den schönsten und beliebtesten Pässen der Alpen.
Fordernde Strecken, majestätische Bergwelt

Wer eine Verschnaufpause benötigt kann am Silvretta-Stausee angeln oder Motorbootfahren (kein Witz!). Die Abfahrt in Richtung Galtür bis Landeck ist landschaftlich herrlich und bringt den Hormonspiegel wieder auf normales Mass. In Landeck biegen Sie rechts ab Richtung B180, die Reschen Bundesstrasse, und fahren über Nauders zum Reschen-See hoch, ein Alpen-Panorama, das es eigentlich nur im Kino geben dürfte.
Nach der Überquerung des Gavia Passes ist es nicht mehr weit bis zum Comer See

Queen der Alpenstraßen
Über Sluderno geht es bis zur SS38 (wir sind in der Zwischenzeit in Italien), wo Sie durch den Stilvser Nationalpark fahren, einem der wenig übriggebliebenen Urwälder Europas, und das Stilvser Joch überqueren, der wahren Königin der Alpenstrassen. Können Sie sich noch an die Daunenjacke erinnern? Die Passhöhe liegt auf weit über 2700 Meter, es ist selbst bei strahlendem Sonnenschein empfindlich kalt, aber der Blick auf die Berge ist die eine oder andere Frostbeule wert. Weiter geht’s nach Bormio, das wir alle aus dem ZDF Sportstudio her kennen. Meditieren Sie kurz, oder nehmen noch ein Valium, denn nun beginnt der wahrhaft abenteuerliche Teil unseres Unternehmens die Überquerung des Gavia Passes, den kaum einer kennt und das ist gut so, denn zwei Fahrzeuge nebeneinander hält die Passstrasse zwischen Valfurva und Ponte di Legno nicht aus. Auf der Passhöhe liegt ein Bergsee, den Milka für die Schoko-Werbung erfunden haben muss oder Salomon für die Skischuhe.
Zur Not zum Arzt
Von Ponte di Legno aus fahren Sie auf der SS42 in stattlichem Tempo Richtung Westen, biegen bei Edolo rechts ab nach Aprica und fahren über Motta hinunter auf die SS38, der sie so um die 50 Kilometer nach Colico folgen, einem kleinen Nest an der Nordspitze des Comer Sees. Parken Sie auf der Plaza am See und genehmigen sich einen Espresso. Sie haben’s verdient. Die letzten Kilometer auf der Schnellstrasse am Ostufer des Comer Sees hinunter nach Como schaffen Sie dann mit links.

In Como angekommen, rufen Sie einfach den Notarzt an.

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Jesus – Der Bestseller

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Jesus der Bestseller

Wer war Jesus von Nazareth? Gottes Sohn. Die Antwort auf diese Frage liefert Papst Benedikt XVI. in seinem Buch „Jesus von Nazareth“ erschienen bei Herder. Grund genug sich einmal in einem kurzen Essay mit der Person Jesu auseinanderzusetzen.

Benedikt XVI.: „Jesus von Nazareth“ Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Herder Verlag, Freiburg; 24 €; Gebundene Aus-gabe: 447 Seiten ISBN-10: 3451298619  

Zu Beginn soll der Blick jedoch auf das Papst Buch gelenkt werden, später wird ein Buch des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein dem aktuellen Bestseller gegenüberge-stellt. Am Ende steht eine kleine Analyse.

Jesus Menschensohn. von Rudolf Augstein, Taschenbuch: 573 Seiten; Verlag: Dtv (September 2001), Sprache: Deutsch ISBN-10: 3423308222

Benedikt beschreibt die Jesus-Figur aus dem Material der Evangelien. Er analysiert den Text des Neuen Testamentes, vor allem das Johannesevangelium. Er setzt sich kritisch mit der Exegese auseinander. Die Richtung des Buchs umriss der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, ein Schüler Ratzingers. Die moderne Theologie habe „seit über 200 Jahren so ziemlich alles in Frage gestellt, was in der Bibel über Jesus zu finden ist“. Ratzinger hingegen nütze die geballten Erkenntnisse der Forschung, um im Ge-genteil die „Glaubwürdigkeit und die solide historische Zuverlässigkeit der Evangelien nachzuweisen“: Nicht der Jesus der Wissenschaft, sondern jener der Evangelien sei der historische Jesus.

Exegese: Die Exegese (griech. exégesis = Auslegung, Erläuterung) ist die Interpretati-on insbesondere von heiligen Schriften, vor allem des Alten und Neuen Testaments der Bibel, des Talmud, der Literatur zum Midrasch und des Korans. Der Begriff ist auch im Zusammenhang mit der Auslegung juristischer Texte anzutreffen.

Der Papst fasst sein Buch ausdrücklich nicht als Lehrbuch auf, sondern als Meditation.
Nun ist dieses Werk beleibe nicht das erste Buch das sich mit Jesus auseinandersetzt, gewiss auch nicht das letzte. Schon der Internet-Buchhändler Amazon listet beim Stichwort Jesus 48 Titel auf. Das Erstaunliche an dem Werk ist jedoch, dass es in erster Linie als Ratzinger-Buch präsentiert wird: In der Autorenzeile wird Joseph Ratzinger an erster Stelle genannt, erst darunter steht sein Papstname. Aus gutem Grund: „Gewiss brauche ich nicht eigens zu sagen, dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist, sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens nach dem Angesicht des Herrn“, betont Ratzinger im Vorwort.

Dieses Buch, das in vielen Ländern gleichzeitig ausgeliefert wurde, wartet mit einer ganz erstaunlichen These auf, einer schockierenden, einer welterschütternden – näm-lich der, dass Jesus Gottes Sohn ist. Es ist daher kein gewöhnliches Buch für die Best-sellerlisten. Es ist auch kein gewöhnliches Buch in der Reihe der Jesus-Publikationen. Dies liegt jedoch in erster Linie am Autor.
Die katholische Kirche muss erst begreifen, welche Revolution es bedeutet, dass der Papst zum wichtigsten Thema, das es für den Stellvertreter Christi auf Erden überhaupt geben kann, ein Buch schreibt und für dieses Buch ausdrücklich keine Unfehlbarkeit beansprucht, sondern zum Widerspruch einlädt, zur Kritik. Er scheut keine Auseinan-dersetzung, er sucht sie. Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Erstens ist sich der Papst sicher, ein gutes Buch geschrieben zu haben, dass er Kritik nicht fürchten muss. Zweitens setzt er als Papst auf die Wissenschaft, die Exegese. Er mischt sich in den Streit der Gelehrten ein – und weiß, dass sein eigenes Buch umstritten sein wird. Er übt Kritik an bedeutenden Theologen (Rudolf Schnackenburg und Ulrich Wilckens), er zollt ihnen jedoch Respekt. Aber er ist auch bereit kritisiert zu werden.

Die historisch-kritische Forschung führte nach Auffassung des Theologen Ratzinger zur Bildung einer “undeutlich gewordenen Ikone”. Wer die Gottheit Jesu in Frage stellt, entziehe dem Christentum die Grundlage. Eine solche Situation sei “dramatisch für den Glauben, weil sein eigentlicher Bezugspunkt unsicher wird”. Ausgangspunkt und Leitgedanke des Werks ist, den durch die Forschung der vergangenen Jahrzehnte her-beigeführten „Riss“ zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus des Glau-bens“ zu kitten. Es geht Benedikt XVI. darum aufzuzeigen, dass es keinen Widerspruch zwischen dem Jesus der Evangelien und dem „wirklichen“ Jesus gibt: „Ich denke, dass gerade dieser Jesus – der der Evangelien – eine historisch sinnvolle und stimmige Figur ist.“

Doch genau hier darf die Kritik ansetzen. Alle vier Evangelisten des neuen Testaments sind keine Zeitgenossen Jesu. Markus hat das älteste Evangelium geschrieben, Lukas kannte verschiedene Quellen (Evangelien?) und hat diese „zusammengefasst“. Auch Matthäus hatte das Markusevangelium als Grundlage. Er richtete sich jedoch vor-nehmlich an die jüdischen Gemeinden was seinen Text prägte. Das Johannesevange-lium gilt als das Jüngste, er hat den Text der anderen Evangelisten erweitert und weite-re neuere Quellen aufbereitet. Stellt nun der Papst ausgerechnet dieses Evangelium in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen so ist gerade hier Kritik angebracht. Das lyrischs-te und das, durch die vielen Quellen und einfließenden Erzählungen, am wenigsten historische Evangelium als Zeugnis für den historischen Jesus heranzuziehen ist wis-senschaftlich schwer zu verstehen. Nach Benedikt XVI. belegen die Evangelien eine historische Tatsache, indem sie Jesus als Sohn Gottes zeigen. „Ich bin überzeugt und hoffe, auch die Leser können sehen, dass diese Gestalt viel logischer und auch histo-risch betrachtet viel verständlicher ist als die Rekonstruktionen, mit denen wir in den letzten Jahrzehnten konfrontiert wurden.”

Eine dieser Rekonstruktionen ist für den ehemaligen Dogmatiker Josef Ratzinger si-cherlich Rudolf Augstein. Dessen Buch „Jesus Menschensohn“, ebenfalls gut verkauft, ist sicherlich genauso kritisch zu sehen wie das Papstbuch und gleichzeitig auch ein interessanter Kontrast. Augstein stellt sich zunächst die Frage, ob Jesus wirklich gelebt hat. Theologen werden immer zugeben, dass die historischen Fakten zu eben jenem Jesus von Nazareth sehr dünn sind. Augstein gelangt letztendlich zu dem Ergebnis, dass mit dem Mann Jesus nicht der Gottmensch und Gründer der christlichen Religion geboren wurde. Schon der Klappentext seines Buches macht dies deutlich: „Nicht was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode mit ihm gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion und mit ihr die Geschichte des so genannten christlichen Abendlandes bestimmt. Wer war Jesus, was bedeutet er den Christen und Nichtchristen heute, hat er tatsächlich die Welt verän-dert?“
Das Buch kämmt bedeutende Bibelauslegungen durch, um in der Zusammenschau ihrer Erkenntnisse deren Widersprüche aufzudecken. Wie in einem Indizienprozeß zeigt Augstein bisweilen schwankenden Boden, auf dem die Theologen und Kirchen ihre Lehren und Dogmen errichten. Ergebnis dieses Prozesses ist ein ganz persönliches Bild Rudolf Augsteins von jenem »Menschensohn« Jesus, der weder eine neue Religion stiften noch eine Kirche gründen wollte und der sich von einem Gott beauftragt glaub-te, dessen Existenz heute viele Menschen bezweifeln oder bestreiten. Augstein zitiert den katholischen Theologen Willibald Bösen: “Die große Weltgeschichte nimmt von Jesus kaum Notiz”, und führt dann aus: „”kaum” dürfte auch noch übertrieben sein. Sie nahm ihn nämlich gar nicht wahr.“ Diese mangelnde Wahrnehmung der Person Jesus nutzt Augstein dann um im Apostel Paulus den eigentlichen Religionsgründer des Christentums zu sehen.

Als im wesentlichen unhistorische, rein theologische Darstellungen” betrachten laut Augstein die meisten deutschen Theologen – mittlerweile auch die katholischen – die Geschichten zu Jesus. Denn historisch seien weder die Stammbäume, die Jesus als Nachfahren des Königs David ausweisen sollen, noch sei er von einer Jungfrau gebo-ren worden. „Weder war Bethlehem der Geburtsort, noch gab es einen Stern von Bethlehem. Weder gab es den Kindermord des Herodes noch die Flucht nach Ägyp-ten; und der superkluge Zwölfjährige ist auch nicht im Tempel aufgetreten. Und war Jesus wohl 30 Jahre alt, als er anfing, durch Galiläa zu ziehen? Das steht so im Lukas-Evangelium; wahrscheinlich aber nur deshalb, weil laut Altem Testament David mit 30 Jahren König wurde und man den angeblichen David-Nachfahren Jesus im selben Alter als Messias auftreten lassen wollte. Dass Jesus nur ein Jahr umherzog, legen die drei älteren, die so genannten synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas nahe, mindestens zwei Jahre lässt das Johannes-Evangelium vermuten.“ So Rudolf Augstein.

Auch das Todesjahr sei ungewiss. Gestorben ist Jesus spätestens 36 nach Christus, denn da endet die zehnjährige Amtszeit des römischen Prokurators Pontius Pilatus. Die Mehrheit der Exegeten hat sich für das Jahr 30 nach Christus entschieden, ohne dass für dieses Jahr wesentlich triftigere Gründe sprechen als für einige andere. Angemes-sener wäre es, die Amtszeit des Pilatus als den Zeitraum zu nennen, in dem Jesus ir-gendwann gestorben sein könnte.

Diese Kritik Augsteins ist andererseits Anlass zur Kritik an Augstein. Ein letztes Zitat: „Doch wie viel oder wie wenig man über den historischen Jesus weiß – der evangeli-sche Theologe Heinz Zahrnt jedenfalls braucht ihn nicht, um Christ zu sein. Das bliebe er auch, wenn man “den Nachweis brächte, dass Jesus von Nazaret nicht gelebt hät-te”. Und auch Paul Tillich, der wie Rudolf Bultmann, Karl Barth und Karl Rahner zu den großen Theologen dieses Jahrhunderts gezählt wird, scheint an Jesus nicht zu hängen: “Wenn er es nicht war, dann war es eben ein anderer.”“

Viel zu sehr auf historisch überprüfbare Fakten ist Augsteins Forschung ausgerichtet und macht damit fast den gleichen Fehler wie, oben erwähnt, Benedikt XVI.. Unstrittig – unter Theologen, wie auch den meisten Gläubigen – ist die Erkenntnis, dass die E-vangelien kein historisches Sachbuch sind. Punkt! Ebenso wird kein ernsthafter For-scher bestreiten, dass es einen Wanderprediger gab, dessen Wanderungen die Evan-gelien reflektieren. Der aufmerksame und interessierte Leser der vier Evangelien wird, fernab historischer Daten, durchaus Jesus Christus wahrnehmen können. Während sich Rudolf Augstein mitunter über die Jesus Darstellungen mokiert, macht er selbst nichts anderes. Er sucht das klar umrissene und historisch belegbare Bild von Jesus von Nazareth. Er fordert wissenschaftliche Akkuratesse, aber vernachlässigt geradezu sträflich alle Regeln der Textinterpretation. Hätte sich Augstein intensiver mit den Auto-ren der Evangelien befasst, hätte er mit den einfachen Mitteln der Literaturwissenschaft zu der Erkenntnis gelangen können, dass ja niemand einen historischen Text über Je-sus von Nazareth verfassen wollte. Augstein war vermutlich zu sehr Journalist und leider waren um das Jahr 0 herum die Messenmedien von heute noch nicht erfunden.
Die vier Evangelisten haben zusammengefasst, was sie über Jesus gehört haben. Das kann jeder Nachlesen. Die Evangelien sind keine Reportage sondern Erzählungen in der blumigen Sprache des mittleren Ostens. Der Text der Evangelien ist jedoch von Bedeutung und in ihm steckte die Kraft die heute die Werte des Christentums ausmacht.

Walter Kasper trifft den Kern der Sache in seinem Buch über Jesus Christus: „Die histo-rischen Fragen stellen sich unausweichlich, wenn man die ärgerliche Konkretheit des Christusglaubens ernst nimmt. … Es gilt deshalb diese Fragen nicht rein historisch zu behandeln, sondern nach der theologischen Relevanz des Historischen zu fragen.“

Walter Kasper: Jesus der Christus; Matthias Grünewald Verlag, 332 Seiten,
ISBN-10: 3786704643

 

 

 

Es ist nicht notwendig sich auf die Suche nach dem historischen Jesus zu machen – auch wenn die bekannten Fakten interessant sind und zum Verständnis beitragen – genauso wie es unsinnig ist sich ein Bild von Jesus machen zu wollen.
Die Diskussionen, ja sogar der Streit, um den historischen Jesus und die damit immer wieder mal verbundenen Frage nach der Berechtigung des Christentums, ist ebenso unsinnig wie die Frage welches Jesusbild denn nun authentisch sei. Ist es das Turiner Grabtuch, oder das Tuch der Veronika? Auch wenn schon das Alte Testament die For-derung enthält, dass man sich von Gott kein Bild machen solle, tun die Menschen dies ununterbrochen. Es darf als sicher angenommen werden, dass Jesus im Aussehen den anderen Männern am östlichen Mittelmeer glich und das sollte reichen. Wie genau, ist das wirklich wichtig? Nein. Im Neuen Testament ist zudem von der Dreifaltigkeit Got-tes die Rede, also von der Einheit von Gottvater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Allein dies darzustellen, übersteigt eines Jeden Fähigkeiten und macht zudem auch keinen Sinn. Akzeptiert sei, dass der profane Mensch sich gerne ein Bild machen möchte, aber das sei dann seine private Vorstellung. Keines der Gottesbilder kann Gültigkeit haben. Keines kann einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Kei-nes ist historisch gesichert. Keines? Doch es gibt eins: das Bild das die vier Evangelis-ten entwerfen.
Hier lohnt es sich noch einmal Rudolf Augstein zu zitieren: „Manches spricht aber auch dafür, dass es ihn wirklich gegeben hat. Es ist zum Beispiel schwer vorstellbar, dass die Evangelien ganz ohne personalen Anlass hätten entstehen können, ohne Inspiration durch den gewaltsamen Tod eines Menschen. So kann wohl doch ein personaler Kern angenommen werden, sonst wäre die ungeheure Motorik der frühchristlichen Bewe-gung kaum verständlich … Es kann also durchaus einen Mann gegeben haben, den etliche seiner Mitjuden – einfache Leute wohl – mit Fähigkeiten ausgestattet glaubten, über die sie selbst nicht verfügten, dem sie einen Wechsel der Verhältnisse zutrauten.“

Genau über diesen Mann haben Markus, Lukas, Matthäus und Johannes geschrieben. Was sie geschrieben haben kann jeder nachlesen. Rein historisch – soweit wir wissen – ist Jesus in seinem Lebensprojekt tatsächlich gescheitert, er starb schließlich am Kreuz. Edward Schillebeeckx sieht dies ähnlich führt aber weiterhin aus: „Für uns bringt Jesus Gott zur Sprache in einer Zeit, die in den meisten ihrer Lebensbereiche – wenn nicht in allen – ohne Gott auszukommen scheint. … “ „Die Evangelien erzählen uns was ein gewisser Jesus für das Leben einiger Gruppen von Menschen bedeutet hat. … Was er – allein durch das, was er war, tat und gesagt hatte, bloß durch sein Auftreten als dieser bestimmte Mensch – hinterlassen hat war eine Bewegung, eine lebendige Ge-meinschaft. … Ein universales Schalom.“

Edward Schillebeeckx: Jesus Die Geschichte von einem Lebenden; Herder Verlag, 670 Seiten; ISBN 3-451-17233-X

Verlassen wir also diese Diskussion und schlagen das Johannesevangelium ganz vor-ne auf: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Na also.

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Der verkleidete Mann

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Der deutsche Mann ist ein verkleideter Mann. Ganzjährig nicht etwa zu Karneval oder Fasching, nein auch im Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Grammatikalisch erzeugt die Vorsilbe „ver“ nämlich zumeist die Erwartung, dass etwas verschwunden oder verloren sei, und das folgende Stammwort gibt nur noch die nähere Art des Verschwindens oder Verlierens an. Mit „ver“- wird meist etwas Negatives, Falsches, Ungünstiges ausgedrückt. Verkleidet meint demnach: der deutsche Mann hat keinen Stil.

„Der ältere Amerikaner, er war Ende Dreißig, trug ein Hawaiihemd und Bermudashorts, aus denen kräftige und stark behaarte Waden hervorschauten. In der Hand hielt er eine Polaroidkamera.“ (aus: Klugmann/Mathews, Beule oder Wie man einen Tresor knackt. 1984 rororo 2675 ISBN 3499426757) Demnach war also noch Mitte der 80er Jahre der Amerikaner Mittelpunkt modischer Kritik. Ein besonderer Gag dieses ausgezeichneten Buches ist, dass der oben Beschriebene ein als Amerikaner verkleideter Deutscher war. Aber aufgemerkt: von einer Gruppe echter Amerikaner als einer der Ihren identifiziert, was diesen wiederum verwirrte. Heute steht der deutsche Mann an erster Stelle der Modesünder, international. Deutschland ist modemäßig absolutes Entwicklungsland. Im Folgenden wird zunächst der Nachweis erbracht, dass deutsche Männer wirklich weder Geschmack noch Stil haben, anschließend werden mögliche Ursachen erforscht und am Ende gibt es einen (hoffungsvollen?) Ausblick.

Mode ist ein heikles Spiel – vollendete Sprache oder komplette Blamage. Deutsche Männer haben ihre liebe Not mit der Mode. Sichere Unscheinbarkeit, möglichst unauffällig und nichtssagend, schlimmstenfalls ein geschmackliches Desaster. Was hier wohl niemand wahrhaben will: Mode kommuniziert, zieht an oder schreckt ab. Wer sich morgens anzieht hat die alltäglich wiederkehrende Chance mit seiner eigenen Außenwirkung zu spielen. Egal ob ausgedrückt wird, wer man sein möchte oder wer man wirklich ist. Kleidung setzt Akzente, gibt die Möglichkeit aus der Masse herauszustechen und in der Masse aufzufallen ohne auffällig zu sein. Mode ist auch optische Kommunikation mit der Umwelt.

Deutsche Männer sind im Ausland wegen ihrer hemmungslosen Kombination von Socken, Sandalen und kurzen Hosen gefürchtet.

So gesehen reicht ein halbstündiger Besuch der Fußgängerzone einer beliebigen deutschen Stadt, um sofort Opfer einer optischen Kontamination zu werden: Männer.

Die Trecking-Sandale ist die erste brutale Auffälligkeit. Um klar zu machen worüber zu sprechen ist diene das nebenstehende Bild, entnommen einem großen Versandhauskatalog, oder die Eingabe „Trecking-Sandale“ / Bilder bei Google. Die Suchmaschine braucht 0,19 Sekunden um 229 Paare anzuzeigen. Trekking ist nun eine besondere Form des Wanderns und dies findet gemeinhin nicht in Städten statt, sondern eher in unverfälschter Natur und wenn man den Outdoor-Ausstattungs-Katalogen (LINK) glauben darf, auch noch fernab der Zivilisation. Gut! Genau da gehört die Trecking-Sandale auch hin. Denn dieses Schuhwerk ist die gestalterische Bankrotterklärung der Sandale. Die einem Reifenprofil ähnelnden Sohlen, die vielleicht zweckmäßigen aber hässlichen Riemen und die bei Frachtkähnen entlehnte Form verbieten einen Einsatz im urbanen Umfeld. Das gilt auch für die Sandale an sich. Unstrittig ist, dass sie zu den meistgetragenen Schuhmodellen gehört, was hingegen nicht entschuldigt, dass sie da getragen wird, wo sie definitiv nicht hingehört. Den für Sandalen zulässigen Bereich kann man klar und deutlich mit dem eigenen, privaten, häuslichen Umfeld definieren und da auch nur dann, wenn kein Besuch anwesend ist.

Zu behaart, zu weiß, zu dünn, zu untrainiert – so die einhellige Meinung der Damenwelt zu Männerbeinen. Bitte Männer, tut den Frauen den Gefallen und quält sie nicht mit diesem Anblick. Das bedeutet in der Konsequenz: keine Sandalen und keine kurzen Hosen, egal wie kurz die Hose auch ist. Das gilt für klassische Shorts, ebenso für die sogenannten Bermudashorts und auch für die zurzeit aktuellen dreiviertellangen Hosen. Zuhause und im Garten gerne – wer´s mag – aber keinesfalls jenseits der eigenen Haustür. In den eigenen vier Wänden dürfen dazu dann auch beliebige Hemden getragen werden, das stört dann auch nicht mehr. So nun ist die wohl übelste modische Sünde deutscher Männer fast schon zu ausgiebig geschildert.

Verweilen wir dennoch einen Augenblick in der eben angesprochenen Fußgängerzone. Blenden wir die oben geschilderten Sünder aus und suchen gut gekleidete Männer. Ein schwieriges Unterfangen, von modisch gekleideten Männern ganz zu schweigen. Die „Männer in Paris und Mailand sind besser angezogen als die in Hamburg oder Köln“. Dies sagte Wolfgang Brinkmann, stellvertretender Präsident des Verbandes der Nordwestdeutschen Textil- & Bekleidungsindustrie in Münster. Auch in Paris, London und Tokio sind Sandalenträger in langen oder kurzen Hosen zu sehen, aber seien sie versichert, dies sind zumeist Deutsche, in Kirchen und Museen sind es wohl die einzigen.

Immer mehr werden Deutsche im Ausland ob ihrer Kleidung und ihres Stils belächelt. Doch vielleicht kann ein gewisses Verständnis entwickelt werden, wenn man bedenkt, dass in diesem Land zwei brutale Kriege und ein damit verbundener Exodus an Kreativen viel an Schönem und kulturell Wertvollem zerstört haben. In der Nachkriegszeit war der Blick auf anderes gerichtet: die elementaren und funktionalen Dinge des Lebens. Eben dieser Blick auf das Notwendige, die lange Gewöhnung an Uniformen, verbunden womöglich mit einer konservativen Grundeinstellung, haben verhindert, dass deutsche Männer ein Gefühl für Stil entwickelt haben.

Die Befreiung der 60er brachte dem deutschen Mann Entspannung, doch keine Geschmackssicherheit. Auflehnung gegen das Establishment ging einher mit „modischer“ Revolte. Das Ergebnis ist heute noch zu sehen und zu spüren. Mode ist für deutsche Männer keine Chance, kein Gestaltungsprinzip, sie wird vielmehr als Diktat aufgefasst. Auch fehlen in Deutschland modische Vorbilder. Was hat Deutschland Stilikonen wie George Clooney, David Beckham, Miuccia Prada oder José Mourinho entgegenzusetzen? Ein Blick ins deutsche Fernsehen ist noch schlimmer als der Blick in deutsche Fußgängerzonen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (Günther Jauch, Harald Schmidt und Jörg Pilawa) wirken deutsche Fernsehmoderatoren und -stars (Wigald Boning, Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen) wie Pumuckel auf Drogen. Was gab es für einen Aufschrei, als ein Bundeskanzler sich im Brioni-Anzug abbilden ließ.
Vor allem Männer in höheren und Vorbild-Positionen können sich nicht korrekt kleiden, so Brinkmann. Als Beispiel nennt er Lehrer, das Outfit eben dieser Berufsgruppe ließe “wirklich sehr zu wünschen übrig”.

„Mode sei für Deutsche ein Fremdwort,…“ meint die Modejournalistin Ingeborg Harms (Feuilleton FAZ und Vogue) gegenüber 3SAT.
“Weil das Spiel mit Rollen und der eigenen Erscheinung etwas ist, was der Deutsche aus tiefster Seele verpönt, denn da bleibt das Ich auf der Strecke, das Gewissens-Ich, auf das es Jahrhunderte lang sehr stark angekommen ist.” “Es scheint für deutsche Männer schwierig zu sein, sich mit dem eigenen Körper anzufreunden, ihn nicht als Peinlichkeit zu empfinden, oder als etwas, was nicht auftauchen darf”, sagt Ingeborg Harms. Stattdessen sollten Männer einsehen, dass der Körper im 21. Jahrhundert auch ein Objekt ist, “eine Ware, die man zum Einsatz bringen kann, die man auch studieren sollte, um etwas inszenieren zu können”.

Stellt sich nun die Frage: Ist alles auch nur eine Frage des Geldes? Gewiss nicht. Ein gutes Outfit muss nicht teuer sein und kann dennoch stilvoll sein. Express Yourself! Joschka Fischer war bei seiner Vereidigung in Hessen sicher nicht teuer angezogen, aber hatte Stil. Selten zuvor hat ein Outfit mehr über den Träger ausgesagt, ihn besser definiert als hier und trotz des Bruches mit jeder Konvention, war Fischer gut, stilvoll und wahrscheinlich preiswert angezogen. Es geht für den deutschen Mann auch nicht darum, ihn einem Modediktat zu unterwerfen, gefordert wird hingegen ein stimmiges Styling.
Es darf trefflich diskutiert werden, ob eine dreiviertel-lange Hose mit T-Shirt und Sandalen zum Brötchenholen zugelassen sei, oder ob hier dann doch die Wahl auf Sneakers, Jeans und Hemd fallen sollte. Ab jetzt wird die Diskussion sicher leicht philosophisch. Wenn jeder tragen darf, was er mag ist, beides zulässig – auch die Sandale. Ein anderer Aspekt ist jedoch, dass die Rezeptoren (sorry, aber passt an dieser Stelle irgendwie gut als Beschreibung derer, die diese Erscheinungen wahrnehmen müssen) möchten dies nicht sehen. Wurde oben Joschka Fischer ob seines Turnschuh-Outfits und seines Konventionsbruches geadelt, müsste nun doch auch die Sandale im Backshop gestattet sein. Nein ist sie nicht, aber warum? Ein wesentlicher Unterschied zu der Jeans- und Sakko-Mode des Ministers ist, dass diese bereits andernorts, außerhalb der Plenarsäle, als gängiges Outfit etabliert und akzeptiert war, während die Sandale nach wie vor in weiten Kreisen der Bevölkerung (vor allem bei den Frauen) als peinlich gilt.
An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs erlaubt. Männer argumentieren zugunsten der Sandale gerne mit Bequemlichkeit. Männer hingegen lieben es, wenn Frauen hochhackige Schuhe tragen, sicherlich nicht gerade das Synonym für Bequemlichkeit. Man(n) sollte daher im Umkehrschluss, auch mit Rücksicht auf die Frauen, von der Sandale Abstand nehmen.

Ab hier sollte die Sandale nun wirklich nicht mehr erwähnt werden, sie hat zwar als Beispiel gute Dienste geleistet, aber die Diskussion Sandale ja oder nein, bringt uns der Frage nach einem guten Outfit für Männer nicht mehr weiter, zumal diese Frage entschieden ist.

Es mag der Eindruck entstehen, dass die Konsequenz dieser Diskussion ist, den Mann in den Anzug zu zwingen. Keinesfalls. Sicherlich macht ein guter Anzug fast immer seinen Träger zu einem gut gekleideten Mann, wenn die Bedingungen stimmen. Der Anzug muss passen, nicht nur dem Mann, sondern auch zum Mann. Als seinerzeit das Label Boss zunehmend an Popularität gewann, hat der zum Einfachen neigende Mann gedacht, trage ich Boss, kann ich nichts falsch machen. Ging aber doch. Sicherlich war der Boss-Anzug lange Zeit der Mainstream-Anzug, weil aufgrund von Schnitt und Material sehr kompromissbereit. Dieser Effekt hielt jedoch nicht lange vor, zu offensichtlich entlarvte genau diese Marke den Träger alsbald als Modemuffel. Gekauft wurde die Marke, egal ob der Anzug dem Mann stand, der Träger fühlte sich sicher. An diesem Punkt setzt die Kritik am deutschen Mann an. Er hat kein Gefühl, was ihm wirklich steht. Ein selbstkritisches Überprüfen des Anzuges vor dem Kauf im Spiegel hätte zumeist zu einer anderen Kaufentscheidung geführt. Die Chance war und ist gegeben. Herrenkonfektionsgeschäfte bieten verschiedene Marken an, jede definiert sich auf Ihre Weise und jeder Typ Mann kann seinen Anzug aus dem breiten Angebot finden. Warum steuert der Käufer nun auf eine, populäre, Marke zu, kauft und geht. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es mag lächerlich klingen, ist aber eine traurige Wahrheit: die meisten Männer hassen es, verschiedene und vor allem mehrere Teile anzuprobieren. So ist zumeist die erste Wahl, falls einigermaßen akzeptabel, auch die Kaufentscheidung. Wichtiger ist hingegen, dass dem Deutschen der Blick für gute Kleidung fehlt. Es ist wie in einer Parfümerie. Nach dem dritten Schnuppern am Objektträger kann niemand mehr wirklich Düfte voneinander unterscheiden, eine biologische Tatsache. Ebenso scheint es Tatsache zu sein, dass der deutsche Mann, nach dem dritten Gang vor den Spiegel, nicht mehr zu einer vernünftigen Entscheidung fähig ist. War die Farbe des ersten Anzuges besser, oder der Schnitt des Zweiten, oder gar die Passform des Dritten. Nun ist der Käufer so verwirrt, dass der oben kritisierte Denkprozess einsetzt: Der Boss macht nichts falsch.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen auch den anderen – wichtigen – Marken auf dem deutschen Markt einmal Raum zu geben. Bugatti, Odermark, René Lezard, Bäumler, Daniel Hechter, Mario Barutti, Roy Robson, Strellson, usw.. Jede dieser Marken hat einen eigenen Charakter, einen eigenen Stil. Gerade die Suche welcher Anzug zu welchem Mann passt, kann auch für jeden Mann ein spannendes und interessantes Spiel sein, ein einfaches Spiel ist es zudem. Hier die Regeln: Ein Mann entscheidet sich schon vor dem Betreten eines Ladens für die Farbe des Anzuges. Er trifft weiterhin vier andere wichtige Entscheidungen: Hose mit oder ohne Umschlag, am Fuß weit oder eng, Einreiher oder Zweireiher, mit oder ohne Weste und zum Schluss noch: darf das Sakko einen Rückenschlitz haben oder nicht. Für diese Gedanken sollte der Weg vom trauten Heim zum Kaufhaus reichen. An dieser Stelle wird jedoch davon abgeraten, ein etabliertes Männermode-Magazin zu Rate zu ziehen, um noch auf die Schnelle zu lernen was en vogue ist. Die dort abgebildeten Dressmen können in 99% der Fälle kein Vorbild sein.
Ehrlicher, wenn auch auf den ersten Blick vielleicht peinlicher, wäre ein Blick in den möglicherweise vorhandenen Versandhauskatalog. Die Männer dort entsprechen eher der alltäglichen Realität und zur Inspiration reicht es allemal. Ein möglicherweise anwesender Verkäufer im Laden wird sehr schnell und treffsicher die Konfektionsgröße bestimmen können und nun kann das Abenteuer beginnen. Der Käufer bittet nun den Verkäufer, höflich aber bestimmt, fünf Anzüge verschiedener Marken zu den oben genannten Kriterien zu bringen (z.B.: Anthrazitschwarz, Hose mit Umschlag, am Fuß weit, mit Weste und Sakko ohne Rückenschlitz). Männer, die an diesem Punkt des Spiels angekommen sind, werden die richtige Entscheidung treffen. Da sie sich gedanklich bereits vor dem Betreten des Ladens entschieden haben, sich fünf verschieden Marken zeigen zu lassen, fällt der Gang in die Umkleidekabine auch nicht mehr so schwer. Im Hinterkopf ist zudem eine Idee, eine Vorstellung gespeichert, die nun vor dem Spiegel mit den realen Gegebenheiten verglichen werden kann. So unwahrscheinlich dies alles klingt, aber das Spiel-Ergebnis wird ein stimmiges Outfit sein. Einige Gefahren sind dennoch zu erwähnen. Gewinnen kann nur, wer sich nicht von seinem Plan abbringen lässt und dem Rat des Verkäufers: „in dieser Saison ist aber eine … in Mode…“ widersteht. Auch die Partnerin ist fehl am Platz. Diesen Einkauf muss der Mann selbstständig machen, weil er ihn selbstständig macht. Widerstehen Sie auch dem Rat des Verkäufers der Ihnen bei jedem Anzug sagen wird, dass er Ihnen ausgezeichnet steht und er selber dasselbe (!) Modell trägt. Ein Blick dürfte ihn der dreisten Lüge überführen.
Gestattet ist jedoch, dass nach der Entscheidung noch die Jeansabteilung aufgesucht wird: um eine passende Jeans zum Sakko des Anzuges zu erstehen, ebenso wie ein Hemd (Tipp: nicht weiß) und eine Krawatte. Männer mit ausgezeichneter Kondition gehen dann noch in ein Schuhgeschäft.

Spätestens an dieser Stelle müssen die Gegenargumente ins Spiel gebracht werden. Viele Männer behaupten sie wären nicht bereit so viel Geld für Kleidung auszugeben, in der sie sich zudem nicht wohl fühlen würden – schon gar nicht im Sommer – und darüber hinaus sei ein Anzug nur was für Spießer und Angepasste. Es lohnt nicht, auf diese Argumente einzugehen weil keines einer Überprüfung standhält. Wer sich dem Kleidungsstil seiner nicht Anzug tragenden Kollegen, oder Sündern in der Fußgängerzone anpasst, um nicht overdressed zu sein ist selbst spießig, (Eine interessante Beobachtung an dieser Stelle. Sie werden kaum einen in Trecking-Sandalen und Shorts gekleideten Mann [und das war jetzt wirklich das letzte Mal] in einer bekannten Schnellrestaurantkette finden. Überlegen Sie einmal warum?) wird darüber hinaus möglicherweise Turnschuhe einer Trendmarke tragen, die teurer sind als viele Anzüge. Es gibt definitiv Anzüge die im Sommer angenehmer zu tragen sind als manch „cooles“ Outfit.
Schwarz geht immer, in jeder Preisklasse und auch ohne Geschmack, da muss man kein Vermögen für eine gute Garderobe lassen. Muss man überhaupt nur selten: Herren-Hemden von H&M sind solide – vor allem aber sind die von »Gucci« genauso schnell ausgewaschen, es bringt also nichts, das Zehnfache zu zahlen. Wer sich Socken von Prada kauft, zeigt meistens nur, dass er Angst hat, etwas falsch zu machen und sich Sicherheit erkaufen möchte. Dabei entsteht dann genau das Gegenteil des gewünschten Effekts: Anstatt gut auszusehen, sieht man aus, als würde man sich jeden Schrott andrehen lassen, Hauptsache, er ist teuer. Man muss nur darauf achten, wenn Oliver Kahn sich mal wieder in der Öffentlichkeit zeigt. Die von der Zeitschrift „”Men’s Health Best Fashion” eingesetzte Jury wählte 2004: “Als am schlechtesten angezogener Modesünder hat Nationaltorwart Oliver Kahn jetzt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse abgelöst“. Begründung: “Teuer ist nicht automatisch gut, und laut nicht stilvoll.” Es geht auch anders, wer suchet der findet.

Sicherlich ist das größte Problem bei der Beschaffung des typgerechten Outfits der Markt. Die Verkaufsstellen für Herrenkleidung sind mit dafür verantwortlich, dass diese Branche kriselt. Die Herrenkleidungsabteilungen der großen Kaufhausketten sind das, was der Name ausdrückt: Abteilungen. Sie haben genau den Charme den die Abteilung Rechnungswesen und Buchhaltung einer jeden Firma ausstrahlt und Beratung (s.o.) findet nicht statt. Die Verkäufer wollen verkaufen, was zwar legitim ist, aber dies um jeden Preis, und so sieht das Ergebnis dann zumeist auch aus. So wird kein Vertrauen geschaffen und eine Wiederholung ist unwahrscheinlich. Hier ist auch die Bekleidungsindustrie gefragt. Solange es ihr nicht gelingt, die Situation am Point of Sale zu verbessern, wird sie kaum mehr Umsätze erzielen.

Richtig ist jedoch dass der Dresscode der Umgebung durchaus die Kleidung bestimmen kann, soll und auch darf. Kleidung ist immer auch eine Frage des Kontextes.
Dies ist sicherlich eine schwierige Aufgabe für den Mann: Sich selbst in einer definierten Umgebung zu definieren und einen eigenen Stil zu entwickeln.
Weiter oben war schon einmal von Stilikonen die Rede, beileibe nicht alles Anzug- und Krawattenträger. Jeder hat die Möglichkeit Vorbilder zu finden, die es nicht zu imitieren gilt, deren Art sich zu kleiden jedoch inspirieren kann. In Deutschland schließt sich nun jedoch der Teufelskreis, da es hier kaum Vorbilder gibt. Kaum meint jedoch nicht gar nicht und eine Chance liegt genau in der Schnittstelle zum Interesse der meisten deutschen Männer, beim Fußball. Keine Sorge, hier wird nicht wieder die kurze Hose gefordert und auch der Blick auf die Moderatoren der Sportsendungen lohnt nicht. Eine Eigenart der Fußballberichterstattung eröffnet jedoch ungeahnte Chancen. Während der Übertragungen wird nahezu penetrant ein gefährdeter Arbeitsplatz samt derzeitigem Inhaber gezeigt: der Trainer (Eine berufliche Situation, die vielleicht der eine oder andere sogar nachempfinden kann). An einem durchschnittlichen Samstagnachmittag sieht der Aufmerksame viele recht gut gekleidete Geschlechtsgenossen. Einige sportliche elegant, andere eher sportlich leger, wiederum andere im ganz feinen Zwirn. Selbst die Liebhaber von Ballonseide haben Chancen Vorbilder zu finden, diese sind jedoch glücklicherweise in der Minderzahl und auszublenden. Die gezeigten Outfits sind je nach Typ und Geschmack auf jede Situation des männlichen Alltages übertragbar. Machen Sie einfach mal die Probe. Dies ist ein ebenso interessantes Spiel wie das von oben, zu dem dann auch die Partnerin eingeladen werden darf: Was gefällt Ihnen und was davon würden Sie wo gerne tragen? Eine Utopie: würden das alle fußballinteressierte Männer nur ein paar mal spielen, das gesamte Erscheinungsbild in deutschen Städten würde sich verändern. Bestimmt!

Leider ist der Vorbildcharakter der Fußballtrainer (in anderen Sportarten mag das auch so sein, aber der Autor kennt sich dort wirklich nicht aus) längst nicht ausreichend. An dieser Stelle muss noch einmal die gesamte Herrenmodebranche kritisiert werden. Es gelingt ihr nämlich nicht, das Thema Männermode zu kommunizieren. Vor vielen Jahren gab es in Köln zweimal im Jahr eine Herrenmodewoche und Herrenmode war zumindest zweimal im Jahr für drei Tage Thema. Vielfältige Gründe führten zu einem Umzug der Messe zunächst nach Düsseldorf und dann nach Berlin, einige Aussteller blieben jedoch in Düsseldorf, andere wiederum zog es nach München. Dieses Chaos hat zumindest bewirkt, dass die Herrenmode kein wirkliches Forum mehr hat. Die Branche braucht jedoch unbedingt wieder zweimal im Jahr ihren Messetermin. Der Messestandort sollte zu finden sein, auch wenn aufgrund vieler Streitigkeiten innerhalb der Branche die meisten geeigneten Messestandorte als verbrannt gelten müssen. Die Forderungen an den perfekten Messeplatz sind so vielfältig, dass jeder Ort ausgeschlossen werden kann und andererseits geeignet ist. Hier gilt es einmal über den Schatten der eigenen Empfindlichkeiten zu springen und zum „Wohle“ der deutschen Männer wieder einen gemeinsamen Standort zu finden und zumindest zweimal im Jahr zu zeigen, dass die Branche in der Lage wäre den Mann gut anzuziehen.

Geschlossenheit ist gefordert. Diese Geschlossenheit herzustellen ist Aufgabe des German-Fashion-Verbandes in dem alle wichtigen Unternehmen vereint sind. Ist diese erste wirklich herkulische Aufgabe erledigt, kann der Verband sich weiteren widmen. Konzepte und Ideen gibt es genügend (Stichwort: Cross-Promotion). Sobald die ersten in die Tat umgesetzt werden, darf die Branche wieder optimistischer in die Zukunft blicken, weil es ihr gelang, das Thema Mode und Stil an den deutschen Mann heranzutragen und ihn auch als kaufkräftigen Kunden zu gewinnen.

Hajo Friedrichs, der legendäre Journalist, bemerkte einmal: „Was den Deutschen zur Kultur fehlt ist ein guter Tafelwein für 3 Franc (ca. 1€).“ Dank der Lebensmitteldiscounter ist diese kulturelle Lücke gefüllt (Link: ALDI). Sein Nachfolger Ulrich Wickert bemerkte einmal: „In der Kunst ist das Einfache immer das schönste.“ Na also!

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