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Der verkleidete Mann

Der deutsche Mann ist ein verkleideter Mann. Ganzjährig nicht etwa zu Karneval oder Fasching, nein auch im Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Grammatikalisch erzeugt die Vorsilbe „ver“ nämlich zumeist die Erwartung, dass etwas verschwunden oder verloren sei, und das folgende Stammwort gibt nur noch die nähere Art des Verschwindens oder Verlierens an. Mit „ver“- wird meist etwas Negatives, Falsches, Ungünstiges ausgedrückt. Verkleidet meint demnach: der deutsche Mann hat keinen Stil.

„Der ältere Amerikaner, er war Ende Dreißig, trug ein Hawaiihemd und Bermudashorts, aus denen kräftige und stark behaarte Waden hervorschauten. In der Hand hielt er eine Polaroidkamera.“ (aus: Klugmann/Mathews, Beule oder Wie man einen Tresor knackt. 1984 rororo 2675 ISBN 3499426757) Demnach war also noch Mitte der 80er Jahre der Amerikaner Mittelpunkt modischer Kritik. Ein besonderer Gag dieses ausgezeichneten Buches ist, dass der oben Beschriebene ein als Amerikaner verkleideter Deutscher war. Aber aufgemerkt: von einer Gruppe echter Amerikaner als einer der Ihren identifiziert, was diesen wiederum verwirrte. Heute steht der deutsche Mann an erster Stelle der Modesünder, international. Deutschland ist modemäßig absolutes Entwicklungsland. Im Folgenden wird zunächst der Nachweis erbracht, dass deutsche Männer wirklich weder Geschmack noch Stil haben, anschließend werden mögliche Ursachen erforscht und am Ende gibt es einen (hoffungsvollen?) Ausblick.

Mode ist ein heikles Spiel - vollendete Sprache oder komplette Blamage. Deutsche Männer haben ihre liebe Not mit der Mode. Sichere Unscheinbarkeit, möglichst unauffällig und nichtssagend, schlimmstenfalls ein geschmackliches Desaster. Was hier wohl niemand wahrhaben will: Mode kommuniziert, zieht an oder schreckt ab. Wer sich morgens anzieht hat die alltäglich wiederkehrende Chance mit seiner eigenen Außenwirkung zu spielen. Egal ob ausgedrückt wird, wer man sein möchte oder wer man wirklich ist. Kleidung setzt Akzente, gibt die Möglichkeit aus der Masse herauszustechen und in der Masse aufzufallen ohne auffällig zu sein. Mode ist auch optische Kommunikation mit der Umwelt.

Deutsche Männer sind im Ausland wegen ihrer hemmungslosen Kombination von Socken, Sandalen und kurzen Hosen gefürchtet.

So gesehen reicht ein halbstündiger Besuch der Fußgängerzone einer beliebigen deutschen Stadt, um sofort Opfer einer optischen Kontamination zu werden: Männer.

Die Trecking-Sandale ist die erste brutale Auffälligkeit. Um klar zu machen worüber zu sprechen ist diene das nebenstehende Bild, entnommen einem großen Versandhauskatalog, oder die Eingabe „Trecking-Sandale“ / Bilder bei Google. Die Suchmaschine braucht 0,19 Sekunden um 229 Paare anzuzeigen. Trekking ist nun eine besondere Form des Wanderns und dies findet gemeinhin nicht in Städten statt, sondern eher in unverfälschter Natur und wenn man den Outdoor-Ausstattungs-Katalogen (LINK) glauben darf, auch noch fernab der Zivilisation. Gut! Genau da gehört die Trecking-Sandale auch hin. Denn dieses Schuhwerk ist die gestalterische Bankrotterklärung der Sandale. Die einem Reifenprofil ähnelnden Sohlen, die vielleicht zweckmäßigen aber hässlichen Riemen und die bei Frachtkähnen entlehnte Form verbieten einen Einsatz im urbanen Umfeld. Das gilt auch für die Sandale an sich. Unstrittig ist, dass sie zu den meistgetragenen Schuhmodellen gehört, was hingegen nicht entschuldigt, dass sie da getragen wird, wo sie definitiv nicht hingehört. Den für Sandalen zulässigen Bereich kann man klar und deutlich mit dem eigenen, privaten, häuslichen Umfeld definieren und da auch nur dann, wenn kein Besuch anwesend ist.

Zu behaart, zu weiß, zu dünn, zu untrainiert – so die einhellige Meinung der Damenwelt zu Männerbeinen. Bitte Männer, tut den Frauen den Gefallen und quält sie nicht mit diesem Anblick. Das bedeutet in der Konsequenz: keine Sandalen und keine kurzen Hosen, egal wie kurz die Hose auch ist. Das gilt für klassische Shorts, ebenso für die sogenannten Bermudashorts und auch für die zurzeit aktuellen dreiviertellangen Hosen. Zuhause und im Garten gerne - wer´s mag - aber keinesfalls jenseits der eigenen Haustür. In den eigenen vier Wänden dürfen dazu dann auch beliebige Hemden getragen werden, das stört dann auch nicht mehr. So nun ist die wohl übelste modische Sünde deutscher Männer fast schon zu ausgiebig geschildert.

Verweilen wir dennoch einen Augenblick in der eben angesprochenen Fußgängerzone. Blenden wir die oben geschilderten Sünder aus und suchen gut gekleidete Männer. Ein schwieriges Unterfangen, von modisch gekleideten Männern ganz zu schweigen. Die „Männer in Paris und Mailand sind besser angezogen als die in Hamburg oder Köln“. Dies sagte Wolfgang Brinkmann, stellvertretender Präsident des Verbandes der Nordwestdeutschen Textil- & Bekleidungsindustrie in Münster. Auch in Paris, London und Tokio sind Sandalenträger in langen oder kurzen Hosen zu sehen, aber seien sie versichert, dies sind zumeist Deutsche, in Kirchen und Museen sind es wohl die einzigen.

Immer mehr werden Deutsche im Ausland ob ihrer Kleidung und ihres Stils belächelt. Doch vielleicht kann ein gewisses Verständnis entwickelt werden, wenn man bedenkt, dass in diesem Land zwei brutale Kriege und ein damit verbundener Exodus an Kreativen viel an Schönem und kulturell Wertvollem zerstört haben. In der Nachkriegszeit war der Blick auf anderes gerichtet: die elementaren und funktionalen Dinge des Lebens. Eben dieser Blick auf das Notwendige, die lange Gewöhnung an Uniformen, verbunden womöglich mit einer konservativen Grundeinstellung, haben verhindert, dass deutsche Männer ein Gefühl für Stil entwickelt haben.

Die Befreiung der 60er brachte dem deutschen Mann Entspannung, doch keine Geschmackssicherheit. Auflehnung gegen das Establishment ging einher mit „modischer“ Revolte. Das Ergebnis ist heute noch zu sehen und zu spüren. Mode ist für deutsche Männer keine Chance, kein Gestaltungsprinzip, sie wird vielmehr als Diktat aufgefasst. Auch fehlen in Deutschland modische Vorbilder. Was hat Deutschland Stilikonen wie George Clooney, David Beckham, Miuccia Prada oder José Mourinho entgegenzusetzen? Ein Blick ins deutsche Fernsehen ist noch schlimmer als der Blick in deutsche Fußgängerzonen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (Günther Jauch, Harald Schmidt und Jörg Pilawa) wirken deutsche Fernsehmoderatoren und -stars (Wigald Boning, Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen) wie Pumuckel auf Drogen. Was gab es für einen Aufschrei, als ein Bundeskanzler sich im Brioni-Anzug abbilden ließ.
Vor allem Männer in höheren und Vorbild-Positionen können sich nicht korrekt kleiden, so Brinkmann. Als Beispiel nennt er Lehrer, das Outfit eben dieser Berufsgruppe ließe “wirklich sehr zu wünschen übrig”.

„Mode sei für Deutsche ein Fremdwort,…“ meint die Modejournalistin Ingeborg Harms (Feuilleton FAZ und Vogue) gegenüber 3SAT.
“Weil das Spiel mit Rollen und der eigenen Erscheinung etwas ist, was der Deutsche aus tiefster Seele verpönt, denn da bleibt das Ich auf der Strecke, das Gewissens-Ich, auf das es Jahrhunderte lang sehr stark angekommen ist.” “Es scheint für deutsche Männer schwierig zu sein, sich mit dem eigenen Körper anzufreunden, ihn nicht als Peinlichkeit zu empfinden, oder als etwas, was nicht auftauchen darf”, sagt Ingeborg Harms. Stattdessen sollten Männer einsehen, dass der Körper im 21. Jahrhundert auch ein Objekt ist, “eine Ware, die man zum Einsatz bringen kann, die man auch studieren sollte, um etwas inszenieren zu können”.

Stellt sich nun die Frage: Ist alles auch nur eine Frage des Geldes? Gewiss nicht. Ein gutes Outfit muss nicht teuer sein und kann dennoch stilvoll sein. Express Yourself! Joschka Fischer war bei seiner Vereidigung in Hessen sicher nicht teuer angezogen, aber hatte Stil. Selten zuvor hat ein Outfit mehr über den Träger ausgesagt, ihn besser definiert als hier und trotz des Bruches mit jeder Konvention, war Fischer gut, stilvoll und wahrscheinlich preiswert angezogen. Es geht für den deutschen Mann auch nicht darum, ihn einem Modediktat zu unterwerfen, gefordert wird hingegen ein stimmiges Styling.
Es darf trefflich diskutiert werden, ob eine dreiviertel-lange Hose mit T-Shirt und Sandalen zum Brötchenholen zugelassen sei, oder ob hier dann doch die Wahl auf Sneakers, Jeans und Hemd fallen sollte. Ab jetzt wird die Diskussion sicher leicht philosophisch. Wenn jeder tragen darf, was er mag ist, beides zulässig – auch die Sandale. Ein anderer Aspekt ist jedoch, dass die Rezeptoren (sorry, aber passt an dieser Stelle irgendwie gut als Beschreibung derer, die diese Erscheinungen wahrnehmen müssen) möchten dies nicht sehen. Wurde oben Joschka Fischer ob seines Turnschuh-Outfits und seines Konventionsbruches geadelt, müsste nun doch auch die Sandale im Backshop gestattet sein. Nein ist sie nicht, aber warum? Ein wesentlicher Unterschied zu der Jeans- und Sakko-Mode des Ministers ist, dass diese bereits andernorts, außerhalb der Plenarsäle, als gängiges Outfit etabliert und akzeptiert war, während die Sandale nach wie vor in weiten Kreisen der Bevölkerung (vor allem bei den Frauen) als peinlich gilt.
An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs erlaubt. Männer argumentieren zugunsten der Sandale gerne mit Bequemlichkeit. Männer hingegen lieben es, wenn Frauen hochhackige Schuhe tragen, sicherlich nicht gerade das Synonym für Bequemlichkeit. Man(n) sollte daher im Umkehrschluss, auch mit Rücksicht auf die Frauen, von der Sandale Abstand nehmen.

Ab hier sollte die Sandale nun wirklich nicht mehr erwähnt werden, sie hat zwar als Beispiel gute Dienste geleistet, aber die Diskussion Sandale ja oder nein, bringt uns der Frage nach einem guten Outfit für Männer nicht mehr weiter, zumal diese Frage entschieden ist.

Es mag der Eindruck entstehen, dass die Konsequenz dieser Diskussion ist, den Mann in den Anzug zu zwingen. Keinesfalls. Sicherlich macht ein guter Anzug fast immer seinen Träger zu einem gut gekleideten Mann, wenn die Bedingungen stimmen. Der Anzug muss passen, nicht nur dem Mann, sondern auch zum Mann. Als seinerzeit das Label Boss zunehmend an Popularität gewann, hat der zum Einfachen neigende Mann gedacht, trage ich Boss, kann ich nichts falsch machen. Ging aber doch. Sicherlich war der Boss-Anzug lange Zeit der Mainstream-Anzug, weil aufgrund von Schnitt und Material sehr kompromissbereit. Dieser Effekt hielt jedoch nicht lange vor, zu offensichtlich entlarvte genau diese Marke den Träger alsbald als Modemuffel. Gekauft wurde die Marke, egal ob der Anzug dem Mann stand, der Träger fühlte sich sicher. An diesem Punkt setzt die Kritik am deutschen Mann an. Er hat kein Gefühl, was ihm wirklich steht. Ein selbstkritisches Überprüfen des Anzuges vor dem Kauf im Spiegel hätte zumeist zu einer anderen Kaufentscheidung geführt. Die Chance war und ist gegeben. Herrenkonfektionsgeschäfte bieten verschiedene Marken an, jede definiert sich auf Ihre Weise und jeder Typ Mann kann seinen Anzug aus dem breiten Angebot finden. Warum steuert der Käufer nun auf eine, populäre, Marke zu, kauft und geht. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es mag lächerlich klingen, ist aber eine traurige Wahrheit: die meisten Männer hassen es, verschiedene und vor allem mehrere Teile anzuprobieren. So ist zumeist die erste Wahl, falls einigermaßen akzeptabel, auch die Kaufentscheidung. Wichtiger ist hingegen, dass dem Deutschen der Blick für gute Kleidung fehlt. Es ist wie in einer Parfümerie. Nach dem dritten Schnuppern am Objektträger kann niemand mehr wirklich Düfte voneinander unterscheiden, eine biologische Tatsache. Ebenso scheint es Tatsache zu sein, dass der deutsche Mann, nach dem dritten Gang vor den Spiegel, nicht mehr zu einer vernünftigen Entscheidung fähig ist. War die Farbe des ersten Anzuges besser, oder der Schnitt des Zweiten, oder gar die Passform des Dritten. Nun ist der Käufer so verwirrt, dass der oben kritisierte Denkprozess einsetzt: Der Boss macht nichts falsch.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen auch den anderen – wichtigen – Marken auf dem deutschen Markt einmal Raum zu geben. Bugatti, Odermark, René Lezard, Bäumler, Daniel Hechter, Mario Barutti, Roy Robson, Strellson, usw.. Jede dieser Marken hat einen eigenen Charakter, einen eigenen Stil. Gerade die Suche welcher Anzug zu welchem Mann passt, kann auch für jeden Mann ein spannendes und interessantes Spiel sein, ein einfaches Spiel ist es zudem. Hier die Regeln: Ein Mann entscheidet sich schon vor dem Betreten eines Ladens für die Farbe des Anzuges. Er trifft weiterhin vier andere wichtige Entscheidungen: Hose mit oder ohne Umschlag, am Fuß weit oder eng, Einreiher oder Zweireiher, mit oder ohne Weste und zum Schluss noch: darf das Sakko einen Rückenschlitz haben oder nicht. Für diese Gedanken sollte der Weg vom trauten Heim zum Kaufhaus reichen. An dieser Stelle wird jedoch davon abgeraten, ein etabliertes Männermode-Magazin zu Rate zu ziehen, um noch auf die Schnelle zu lernen was en vogue ist. Die dort abgebildeten Dressmen können in 99% der Fälle kein Vorbild sein.
Ehrlicher, wenn auch auf den ersten Blick vielleicht peinlicher, wäre ein Blick in den möglicherweise vorhandenen Versandhauskatalog. Die Männer dort entsprechen eher der alltäglichen Realität und zur Inspiration reicht es allemal. Ein möglicherweise anwesender Verkäufer im Laden wird sehr schnell und treffsicher die Konfektionsgröße bestimmen können und nun kann das Abenteuer beginnen. Der Käufer bittet nun den Verkäufer, höflich aber bestimmt, fünf Anzüge verschiedener Marken zu den oben genannten Kriterien zu bringen (z.B.: Anthrazitschwarz, Hose mit Umschlag, am Fuß weit, mit Weste und Sakko ohne Rückenschlitz). Männer, die an diesem Punkt des Spiels angekommen sind, werden die richtige Entscheidung treffen. Da sie sich gedanklich bereits vor dem Betreten des Ladens entschieden haben, sich fünf verschieden Marken zeigen zu lassen, fällt der Gang in die Umkleidekabine auch nicht mehr so schwer. Im Hinterkopf ist zudem eine Idee, eine Vorstellung gespeichert, die nun vor dem Spiegel mit den realen Gegebenheiten verglichen werden kann. So unwahrscheinlich dies alles klingt, aber das Spiel-Ergebnis wird ein stimmiges Outfit sein. Einige Gefahren sind dennoch zu erwähnen. Gewinnen kann nur, wer sich nicht von seinem Plan abbringen lässt und dem Rat des Verkäufers: „in dieser Saison ist aber eine … in Mode…“ widersteht. Auch die Partnerin ist fehl am Platz. Diesen Einkauf muss der Mann selbstständig machen, weil er ihn selbstständig macht. Widerstehen Sie auch dem Rat des Verkäufers der Ihnen bei jedem Anzug sagen wird, dass er Ihnen ausgezeichnet steht und er selber dasselbe (!) Modell trägt. Ein Blick dürfte ihn der dreisten Lüge überführen.
Gestattet ist jedoch, dass nach der Entscheidung noch die Jeansabteilung aufgesucht wird: um eine passende Jeans zum Sakko des Anzuges zu erstehen, ebenso wie ein Hemd (Tipp: nicht weiß) und eine Krawatte. Männer mit ausgezeichneter Kondition gehen dann noch in ein Schuhgeschäft.

Spätestens an dieser Stelle müssen die Gegenargumente ins Spiel gebracht werden. Viele Männer behaupten sie wären nicht bereit so viel Geld für Kleidung auszugeben, in der sie sich zudem nicht wohl fühlen würden – schon gar nicht im Sommer - und darüber hinaus sei ein Anzug nur was für Spießer und Angepasste. Es lohnt nicht, auf diese Argumente einzugehen weil keines einer Überprüfung standhält. Wer sich dem Kleidungsstil seiner nicht Anzug tragenden Kollegen, oder Sündern in der Fußgängerzone anpasst, um nicht overdressed zu sein ist selbst spießig, (Eine interessante Beobachtung an dieser Stelle. Sie werden kaum einen in Trecking-Sandalen und Shorts gekleideten Mann [und das war jetzt wirklich das letzte Mal] in einer bekannten Schnellrestaurantkette finden. Überlegen Sie einmal warum?) wird darüber hinaus möglicherweise Turnschuhe einer Trendmarke tragen, die teurer sind als viele Anzüge. Es gibt definitiv Anzüge die im Sommer angenehmer zu tragen sind als manch „cooles“ Outfit.
Schwarz geht immer, in jeder Preisklasse und auch ohne Geschmack, da muss man kein Vermögen für eine gute Garderobe lassen. Muss man überhaupt nur selten: Herren-Hemden von H&M sind solide – vor allem aber sind die von »Gucci« genauso schnell ausgewaschen, es bringt also nichts, das Zehnfache zu zahlen. Wer sich Socken von Prada kauft, zeigt meistens nur, dass er Angst hat, etwas falsch zu machen und sich Sicherheit erkaufen möchte. Dabei entsteht dann genau das Gegenteil des gewünschten Effekts: Anstatt gut auszusehen, sieht man aus, als würde man sich jeden Schrott andrehen lassen, Hauptsache, er ist teuer. Man muss nur darauf achten, wenn Oliver Kahn sich mal wieder in der Öffentlichkeit zeigt. Die von der Zeitschrift „”Men’s Health Best Fashion” eingesetzte Jury wählte 2004: “Als am schlechtesten angezogener Modesünder hat Nationaltorwart Oliver Kahn jetzt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse abgelöst“. Begründung: “Teuer ist nicht automatisch gut, und laut nicht stilvoll.” Es geht auch anders, wer suchet der findet.

Sicherlich ist das größte Problem bei der Beschaffung des typgerechten Outfits der Markt. Die Verkaufsstellen für Herrenkleidung sind mit dafür verantwortlich, dass diese Branche kriselt. Die Herrenkleidungsabteilungen der großen Kaufhausketten sind das, was der Name ausdrückt: Abteilungen. Sie haben genau den Charme den die Abteilung Rechnungswesen und Buchhaltung einer jeden Firma ausstrahlt und Beratung (s.o.) findet nicht statt. Die Verkäufer wollen verkaufen, was zwar legitim ist, aber dies um jeden Preis, und so sieht das Ergebnis dann zumeist auch aus. So wird kein Vertrauen geschaffen und eine Wiederholung ist unwahrscheinlich. Hier ist auch die Bekleidungsindustrie gefragt. Solange es ihr nicht gelingt, die Situation am Point of Sale zu verbessern, wird sie kaum mehr Umsätze erzielen.

Richtig ist jedoch dass der Dresscode der Umgebung durchaus die Kleidung bestimmen kann, soll und auch darf. Kleidung ist immer auch eine Frage des Kontextes.
Dies ist sicherlich eine schwierige Aufgabe für den Mann: Sich selbst in einer definierten Umgebung zu definieren und einen eigenen Stil zu entwickeln.
Weiter oben war schon einmal von Stilikonen die Rede, beileibe nicht alles Anzug- und Krawattenträger. Jeder hat die Möglichkeit Vorbilder zu finden, die es nicht zu imitieren gilt, deren Art sich zu kleiden jedoch inspirieren kann. In Deutschland schließt sich nun jedoch der Teufelskreis, da es hier kaum Vorbilder gibt. Kaum meint jedoch nicht gar nicht und eine Chance liegt genau in der Schnittstelle zum Interesse der meisten deutschen Männer, beim Fußball. Keine Sorge, hier wird nicht wieder die kurze Hose gefordert und auch der Blick auf die Moderatoren der Sportsendungen lohnt nicht. Eine Eigenart der Fußballberichterstattung eröffnet jedoch ungeahnte Chancen. Während der Übertragungen wird nahezu penetrant ein gefährdeter Arbeitsplatz samt derzeitigem Inhaber gezeigt: der Trainer (Eine berufliche Situation, die vielleicht der eine oder andere sogar nachempfinden kann). An einem durchschnittlichen Samstagnachmittag sieht der Aufmerksame viele recht gut gekleidete Geschlechtsgenossen. Einige sportliche elegant, andere eher sportlich leger, wiederum andere im ganz feinen Zwirn. Selbst die Liebhaber von Ballonseide haben Chancen Vorbilder zu finden, diese sind jedoch glücklicherweise in der Minderzahl und auszublenden. Die gezeigten Outfits sind je nach Typ und Geschmack auf jede Situation des männlichen Alltages übertragbar. Machen Sie einfach mal die Probe. Dies ist ein ebenso interessantes Spiel wie das von oben, zu dem dann auch die Partnerin eingeladen werden darf: Was gefällt Ihnen und was davon würden Sie wo gerne tragen? Eine Utopie: würden das alle fußballinteressierte Männer nur ein paar mal spielen, das gesamte Erscheinungsbild in deutschen Städten würde sich verändern. Bestimmt!

Leider ist der Vorbildcharakter der Fußballtrainer (in anderen Sportarten mag das auch so sein, aber der Autor kennt sich dort wirklich nicht aus) längst nicht ausreichend. An dieser Stelle muss noch einmal die gesamte Herrenmodebranche kritisiert werden. Es gelingt ihr nämlich nicht, das Thema Männermode zu kommunizieren. Vor vielen Jahren gab es in Köln zweimal im Jahr eine Herrenmodewoche und Herrenmode war zumindest zweimal im Jahr für drei Tage Thema. Vielfältige Gründe führten zu einem Umzug der Messe zunächst nach Düsseldorf und dann nach Berlin, einige Aussteller blieben jedoch in Düsseldorf, andere wiederum zog es nach München. Dieses Chaos hat zumindest bewirkt, dass die Herrenmode kein wirkliches Forum mehr hat. Die Branche braucht jedoch unbedingt wieder zweimal im Jahr ihren Messetermin. Der Messestandort sollte zu finden sein, auch wenn aufgrund vieler Streitigkeiten innerhalb der Branche die meisten geeigneten Messestandorte als verbrannt gelten müssen. Die Forderungen an den perfekten Messeplatz sind so vielfältig, dass jeder Ort ausgeschlossen werden kann und andererseits geeignet ist. Hier gilt es einmal über den Schatten der eigenen Empfindlichkeiten zu springen und zum „Wohle“ der deutschen Männer wieder einen gemeinsamen Standort zu finden und zumindest zweimal im Jahr zu zeigen, dass die Branche in der Lage wäre den Mann gut anzuziehen.

Geschlossenheit ist gefordert. Diese Geschlossenheit herzustellen ist Aufgabe des German-Fashion-Verbandes in dem alle wichtigen Unternehmen vereint sind. Ist diese erste wirklich herkulische Aufgabe erledigt, kann der Verband sich weiteren widmen. Konzepte und Ideen gibt es genügend (Stichwort: Cross-Promotion). Sobald die ersten in die Tat umgesetzt werden, darf die Branche wieder optimistischer in die Zukunft blicken, weil es ihr gelang, das Thema Mode und Stil an den deutschen Mann heranzutragen und ihn auch als kaufkräftigen Kunden zu gewinnen.

Hajo Friedrichs, der legendäre Journalist, bemerkte einmal: „Was den Deutschen zur Kultur fehlt ist ein guter Tafelwein für 3 Franc (ca. 1€).“ Dank der Lebensmitteldiscounter ist diese kulturelle Lücke gefüllt (Link: ALDI). Sein Nachfolger Ulrich Wickert bemerkte einmal: „In der Kunst ist das Einfache immer das schönste.“ Na also!


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