Jesus - Der Bestseller
Jesus der Bestseller
Wer war Jesus von Nazareth? Gottes Sohn. Die Antwort auf diese Frage liefert Papst Benedikt XVI. in seinem Buch „Jesus von Nazareth“ erschienen bei Herder. Grund genug sich einmal in einem kurzen Essay mit der Person Jesu auseinanderzusetzen.
Benedikt XVI.: „Jesus von Nazareth“ Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Herder Verlag, Freiburg; 24 €; Gebundene Aus-gabe: 447 Seiten ISBN-10: 3451298619
Zu Beginn soll der Blick jedoch auf das Papst Buch gelenkt werden, später wird ein Buch des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein dem aktuellen Bestseller gegenüberge-stellt. Am Ende steht eine kleine Analyse.
Jesus Menschensohn. von Rudolf Augstein, Taschenbuch: 573 Seiten; Verlag: Dtv (September 2001), Sprache: Deutsch ISBN-10: 3423308222
Benedikt beschreibt die Jesus-Figur aus dem Material der Evangelien. Er analysiert den Text des Neuen Testamentes, vor allem das Johannesevangelium. Er setzt sich kritisch mit der Exegese auseinander. Die Richtung des Buchs umriss der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, ein Schüler Ratzingers. Die moderne Theologie habe „seit über 200 Jahren so ziemlich alles in Frage gestellt, was in der Bibel über Jesus zu finden ist“. Ratzinger hingegen nütze die geballten Erkenntnisse der Forschung, um im Ge-genteil die „Glaubwürdigkeit und die solide historische Zuverlässigkeit der Evangelien nachzuweisen“: Nicht der Jesus der Wissenschaft, sondern jener der Evangelien sei der historische Jesus.
Exegese: Die Exegese (griech. exégesis = Auslegung, Erläuterung) ist die Interpretati-on insbesondere von heiligen Schriften, vor allem des Alten und Neuen Testaments der Bibel, des Talmud, der Literatur zum Midrasch und des Korans. Der Begriff ist auch im Zusammenhang mit der Auslegung juristischer Texte anzutreffen.
Der Papst fasst sein Buch ausdrücklich nicht als Lehrbuch auf, sondern als Meditation.
Nun ist dieses Werk beleibe nicht das erste Buch das sich mit Jesus auseinandersetzt, gewiss auch nicht das letzte. Schon der Internet-Buchhändler Amazon listet beim Stichwort Jesus 48 Titel auf. Das Erstaunliche an dem Werk ist jedoch, dass es in erster Linie als Ratzinger-Buch präsentiert wird: In der Autorenzeile wird Joseph Ratzinger an erster Stelle genannt, erst darunter steht sein Papstname. Aus gutem Grund: „Gewiss brauche ich nicht eigens zu sagen, dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist, sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens nach dem Angesicht des Herrn“, betont Ratzinger im Vorwort.
Dieses Buch, das in vielen Ländern gleichzeitig ausgeliefert wurde, wartet mit einer ganz erstaunlichen These auf, einer schockierenden, einer welterschütternden - näm-lich der, dass Jesus Gottes Sohn ist. Es ist daher kein gewöhnliches Buch für die Best-sellerlisten. Es ist auch kein gewöhnliches Buch in der Reihe der Jesus-Publikationen. Dies liegt jedoch in erster Linie am Autor.
Die katholische Kirche muss erst begreifen, welche Revolution es bedeutet, dass der Papst zum wichtigsten Thema, das es für den Stellvertreter Christi auf Erden überhaupt geben kann, ein Buch schreibt und für dieses Buch ausdrücklich keine Unfehlbarkeit beansprucht, sondern zum Widerspruch einlädt, zur Kritik. Er scheut keine Auseinan-dersetzung, er sucht sie. Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Erstens ist sich der Papst sicher, ein gutes Buch geschrieben zu haben, dass er Kritik nicht fürchten muss. Zweitens setzt er als Papst auf die Wissenschaft, die Exegese. Er mischt sich in den Streit der Gelehrten ein - und weiß, dass sein eigenes Buch umstritten sein wird. Er übt Kritik an bedeutenden Theologen (Rudolf Schnackenburg und Ulrich Wilckens), er zollt ihnen jedoch Respekt. Aber er ist auch bereit kritisiert zu werden.
Die historisch-kritische Forschung führte nach Auffassung des Theologen Ratzinger zur Bildung einer “undeutlich gewordenen Ikone”. Wer die Gottheit Jesu in Frage stellt, entziehe dem Christentum die Grundlage. Eine solche Situation sei “dramatisch für den Glauben, weil sein eigentlicher Bezugspunkt unsicher wird”. Ausgangspunkt und Leitgedanke des Werks ist, den durch die Forschung der vergangenen Jahrzehnte her-beigeführten „Riss“ zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus des Glau-bens“ zu kitten. Es geht Benedikt XVI. darum aufzuzeigen, dass es keinen Widerspruch zwischen dem Jesus der Evangelien und dem „wirklichen“ Jesus gibt: „Ich denke, dass gerade dieser Jesus - der der Evangelien - eine historisch sinnvolle und stimmige Figur ist.“
Doch genau hier darf die Kritik ansetzen. Alle vier Evangelisten des neuen Testaments sind keine Zeitgenossen Jesu. Markus hat das älteste Evangelium geschrieben, Lukas kannte verschiedene Quellen (Evangelien?) und hat diese „zusammengefasst“. Auch Matthäus hatte das Markusevangelium als Grundlage. Er richtete sich jedoch vor-nehmlich an die jüdischen Gemeinden was seinen Text prägte. Das Johannesevange-lium gilt als das Jüngste, er hat den Text der anderen Evangelisten erweitert und weite-re neuere Quellen aufbereitet. Stellt nun der Papst ausgerechnet dieses Evangelium in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen so ist gerade hier Kritik angebracht. Das lyrischs-te und das, durch die vielen Quellen und einfließenden Erzählungen, am wenigsten historische Evangelium als Zeugnis für den historischen Jesus heranzuziehen ist wis-senschaftlich schwer zu verstehen. Nach Benedikt XVI. belegen die Evangelien eine historische Tatsache, indem sie Jesus als Sohn Gottes zeigen. „Ich bin überzeugt und hoffe, auch die Leser können sehen, dass diese Gestalt viel logischer und auch histo-risch betrachtet viel verständlicher ist als die Rekonstruktionen, mit denen wir in den letzten Jahrzehnten konfrontiert wurden.”
Eine dieser Rekonstruktionen ist für den ehemaligen Dogmatiker Josef Ratzinger si-cherlich Rudolf Augstein. Dessen Buch „Jesus Menschensohn“, ebenfalls gut verkauft, ist sicherlich genauso kritisch zu sehen wie das Papstbuch und gleichzeitig auch ein interessanter Kontrast. Augstein stellt sich zunächst die Frage, ob Jesus wirklich gelebt hat. Theologen werden immer zugeben, dass die historischen Fakten zu eben jenem Jesus von Nazareth sehr dünn sind. Augstein gelangt letztendlich zu dem Ergebnis, dass mit dem Mann Jesus nicht der Gottmensch und Gründer der christlichen Religion geboren wurde. Schon der Klappentext seines Buches macht dies deutlich: „Nicht was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode mit ihm gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion und mit ihr die Geschichte des so genannten christlichen Abendlandes bestimmt. Wer war Jesus, was bedeutet er den Christen und Nichtchristen heute, hat er tatsächlich die Welt verän-dert?“
Das Buch kämmt bedeutende Bibelauslegungen durch, um in der Zusammenschau ihrer Erkenntnisse deren Widersprüche aufzudecken. Wie in einem Indizienprozeß zeigt Augstein bisweilen schwankenden Boden, auf dem die Theologen und Kirchen ihre Lehren und Dogmen errichten. Ergebnis dieses Prozesses ist ein ganz persönliches Bild Rudolf Augsteins von jenem »Menschensohn« Jesus, der weder eine neue Religion stiften noch eine Kirche gründen wollte und der sich von einem Gott beauftragt glaub-te, dessen Existenz heute viele Menschen bezweifeln oder bestreiten. Augstein zitiert den katholischen Theologen Willibald Bösen: “Die große Weltgeschichte nimmt von Jesus kaum Notiz”, und führt dann aus: „”kaum” dürfte auch noch übertrieben sein. Sie nahm ihn nämlich gar nicht wahr.“ Diese mangelnde Wahrnehmung der Person Jesus nutzt Augstein dann um im Apostel Paulus den eigentlichen Religionsgründer des Christentums zu sehen.
Als im wesentlichen unhistorische, rein theologische Darstellungen” betrachten laut Augstein die meisten deutschen Theologen - mittlerweile auch die katholischen - die Geschichten zu Jesus. Denn historisch seien weder die Stammbäume, die Jesus als Nachfahren des Königs David ausweisen sollen, noch sei er von einer Jungfrau gebo-ren worden. „Weder war Bethlehem der Geburtsort, noch gab es einen Stern von Bethlehem. Weder gab es den Kindermord des Herodes noch die Flucht nach Ägyp-ten; und der superkluge Zwölfjährige ist auch nicht im Tempel aufgetreten. Und war Jesus wohl 30 Jahre alt, als er anfing, durch Galiläa zu ziehen? Das steht so im Lukas-Evangelium; wahrscheinlich aber nur deshalb, weil laut Altem Testament David mit 30 Jahren König wurde und man den angeblichen David-Nachfahren Jesus im selben Alter als Messias auftreten lassen wollte. Dass Jesus nur ein Jahr umherzog, legen die drei älteren, die so genannten synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas nahe, mindestens zwei Jahre lässt das Johannes-Evangelium vermuten.“ So Rudolf Augstein.
Auch das Todesjahr sei ungewiss. Gestorben ist Jesus spätestens 36 nach Christus, denn da endet die zehnjährige Amtszeit des römischen Prokurators Pontius Pilatus. Die Mehrheit der Exegeten hat sich für das Jahr 30 nach Christus entschieden, ohne dass für dieses Jahr wesentlich triftigere Gründe sprechen als für einige andere. Angemes-sener wäre es, die Amtszeit des Pilatus als den Zeitraum zu nennen, in dem Jesus ir-gendwann gestorben sein könnte.
Diese Kritik Augsteins ist andererseits Anlass zur Kritik an Augstein. Ein letztes Zitat: „Doch wie viel oder wie wenig man über den historischen Jesus weiß - der evangeli-sche Theologe Heinz Zahrnt jedenfalls braucht ihn nicht, um Christ zu sein. Das bliebe er auch, wenn man “den Nachweis brächte, dass Jesus von Nazaret nicht gelebt hät-te”. Und auch Paul Tillich, der wie Rudolf Bultmann, Karl Barth und Karl Rahner zu den großen Theologen dieses Jahrhunderts gezählt wird, scheint an Jesus nicht zu hängen: “Wenn er es nicht war, dann war es eben ein anderer.”“
Viel zu sehr auf historisch überprüfbare Fakten ist Augsteins Forschung ausgerichtet und macht damit fast den gleichen Fehler wie, oben erwähnt, Benedikt XVI.. Unstrittig – unter Theologen, wie auch den meisten Gläubigen – ist die Erkenntnis, dass die E-vangelien kein historisches Sachbuch sind. Punkt! Ebenso wird kein ernsthafter For-scher bestreiten, dass es einen Wanderprediger gab, dessen Wanderungen die Evan-gelien reflektieren. Der aufmerksame und interessierte Leser der vier Evangelien wird, fernab historischer Daten, durchaus Jesus Christus wahrnehmen können. Während sich Rudolf Augstein mitunter über die Jesus Darstellungen mokiert, macht er selbst nichts anderes. Er sucht das klar umrissene und historisch belegbare Bild von Jesus von Nazareth. Er fordert wissenschaftliche Akkuratesse, aber vernachlässigt geradezu sträflich alle Regeln der Textinterpretation. Hätte sich Augstein intensiver mit den Auto-ren der Evangelien befasst, hätte er mit den einfachen Mitteln der Literaturwissenschaft zu der Erkenntnis gelangen können, dass ja niemand einen historischen Text über Je-sus von Nazareth verfassen wollte. Augstein war vermutlich zu sehr Journalist und leider waren um das Jahr 0 herum die Messenmedien von heute noch nicht erfunden.
Die vier Evangelisten haben zusammengefasst, was sie über Jesus gehört haben. Das kann jeder Nachlesen. Die Evangelien sind keine Reportage sondern Erzählungen in der blumigen Sprache des mittleren Ostens. Der Text der Evangelien ist jedoch von Bedeutung und in ihm steckte die Kraft die heute die Werte des Christentums ausmacht.
Walter Kasper trifft den Kern der Sache in seinem Buch über Jesus Christus: „Die histo-rischen Fragen stellen sich unausweichlich, wenn man die ärgerliche Konkretheit des Christusglaubens ernst nimmt. … Es gilt deshalb diese Fragen nicht rein historisch zu behandeln, sondern nach der theologischen Relevanz des Historischen zu fragen.“
Walter Kasper: Jesus der Christus; Matthias Grünewald Verlag, 332 Seiten,
ISBN-10: 3786704643
Es ist nicht notwendig sich auf die Suche nach dem historischen Jesus zu machen – auch wenn die bekannten Fakten interessant sind und zum Verständnis beitragen – genauso wie es unsinnig ist sich ein Bild von Jesus machen zu wollen.
Die Diskussionen, ja sogar der Streit, um den historischen Jesus und die damit immer wieder mal verbundenen Frage nach der Berechtigung des Christentums, ist ebenso unsinnig wie die Frage welches Jesusbild denn nun authentisch sei. Ist es das Turiner Grabtuch, oder das Tuch der Veronika? Auch wenn schon das Alte Testament die For-derung enthält, dass man sich von Gott kein Bild machen solle, tun die Menschen dies ununterbrochen. Es darf als sicher angenommen werden, dass Jesus im Aussehen den anderen Männern am östlichen Mittelmeer glich und das sollte reichen. Wie genau, ist das wirklich wichtig? Nein. Im Neuen Testament ist zudem von der Dreifaltigkeit Got-tes die Rede, also von der Einheit von Gottvater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Allein dies darzustellen, übersteigt eines Jeden Fähigkeiten und macht zudem auch keinen Sinn. Akzeptiert sei, dass der profane Mensch sich gerne ein Bild machen möchte, aber das sei dann seine private Vorstellung. Keines der Gottesbilder kann Gültigkeit haben. Keines kann einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Kei-nes ist historisch gesichert. Keines? Doch es gibt eins: das Bild das die vier Evangelis-ten entwerfen.
Hier lohnt es sich noch einmal Rudolf Augstein zu zitieren: „Manches spricht aber auch dafür, dass es ihn wirklich gegeben hat. Es ist zum Beispiel schwer vorstellbar, dass die Evangelien ganz ohne personalen Anlass hätten entstehen können, ohne Inspiration durch den gewaltsamen Tod eines Menschen. So kann wohl doch ein personaler Kern angenommen werden, sonst wäre die ungeheure Motorik der frühchristlichen Bewe-gung kaum verständlich … Es kann also durchaus einen Mann gegeben haben, den etliche seiner Mitjuden - einfache Leute wohl - mit Fähigkeiten ausgestattet glaubten, über die sie selbst nicht verfügten, dem sie einen Wechsel der Verhältnisse zutrauten.“
Genau über diesen Mann haben Markus, Lukas, Matthäus und Johannes geschrieben. Was sie geschrieben haben kann jeder nachlesen. Rein historisch – soweit wir wissen – ist Jesus in seinem Lebensprojekt tatsächlich gescheitert, er starb schließlich am Kreuz. Edward Schillebeeckx sieht dies ähnlich führt aber weiterhin aus: „Für uns bringt Jesus Gott zur Sprache in einer Zeit, die in den meisten ihrer Lebensbereiche – wenn nicht in allen – ohne Gott auszukommen scheint. … “ „Die Evangelien erzählen uns was ein gewisser Jesus für das Leben einiger Gruppen von Menschen bedeutet hat. … Was er – allein durch das, was er war, tat und gesagt hatte, bloß durch sein Auftreten als dieser bestimmte Mensch – hinterlassen hat war eine Bewegung, eine lebendige Ge-meinschaft. … Ein universales Schalom.“
Edward Schillebeeckx: Jesus Die Geschichte von einem Lebenden; Herder Verlag, 670 Seiten; ISBN 3-451-17233-X
Verlassen wir also diese Diskussion und schlagen das Johannesevangelium ganz vor-ne auf: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Na also.

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