Art Cologne: Diagnose Magersucht
Art Cologne – Magersucht befällt die Mutter aller Kunstmesse
Gerard Goodrow nimmt den Hut, vermeldete DPA am 28.1.2008. Bekannt wurde damit ein weiteres Kapitel der langen Krankengeschichte der Art Cologne. Verwundert hat die Trennung der Koelnmesse von Gerard Goodrow, dem Geschäftsführer der Kunstmesse, niemanden: einflussreiche Galeristen hatten sich vehement über den Be-deutungsverlust der über 40-jährigen “Mutter aller Kunstmessen” beschwert.
Die Art Cologne verlor in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung, New-comer kratzten an ihrem Image und während andernorts Kunstmärkte florierten, ver-blasste der Kölner Stern.
“Ungerecht” nennt es jedenfalls die örtliche Kulturpresse, den Bedeutungsverlust der Art Cologne Goodrow allein anzuhängen, der vor gut vier Jahren vom Auktionshaus “Christies” wegen seiner exzellenten Kontakte zur Sammler- und Galeristenszene als “Hoffnungsträger” an den Rhein geholt worden war.
Der auf Druck des Handels eingeführte, aber immer noch kontrovers diskutierte neue Frühjahrstermin, der Umzug in sterile Messehallen und der Hype, den etwa der Art-Basel-Ableger in Miami auf die Schönen und Reichen der Welt ausübt, stehen außer-halb des Einflusses von Goodrow. Dies gilt auch für den kommunalen Geldmangel, der die Kölner Museen seit langem hindert, die in anderen Messemetropolen üblichen attraktiven Kunstausstellungen zur Markt-Zeit auszurichten.
Die Krise der Art Cologne ist jedoch hausgemacht und gründet auch in der Zeit vor Goodrow. Ein Blick zurück lohnt.
In ihrer erfolgreichsten Zeit, so um den Milleniumswechsel, belegte die Art Cologne die alten Rheinhallen 1,2 und 3 der Kölner Messe und zwar Unter- und Obergeschoss. Nicht zu vergessen die angrenzende Halle 5. Die Ausstellerzahl betrug roundabout 300, der Besuch war gut.
(Leider) Ungefragte sind auch heute noch der Ansicht, dass die damalige Mischung der Exponate und Galerien das besondere Flair der Messe ausmachte. Im ruhigen Obergeschoss der Rheinhallen, die etablierten Galerien mit etablierter Kunst, gegen-über in der Halle 5 junge und wilde Kunst.
Doch all die Jahre, als die Art Cologne erfolgreich war gab es ständig Klagen. Legen-där die damalige Redakteurin des Kölner Stadt Anzeigers, Armine Haase. Sie monierte ständig, die Art Cologne sei zu groß, zu unübersichtlich und ohne bleibende orthopä-dische Schäden nicht zu erschließen. Kunstjournalisten müssen eine besondere Spezies sein. Kollegen aus anderen Ressorts haben beispielsweise auf einer Internationalen Funkausstellung oder Cebit eine wesentlich größere Ausstellungsfläche zu bewältigen, natürlich auch eine ums Vielfache höhere Anzahl an Exponaten. Da jedoch die Kolle-gen anderer Zeitungen und Magazine sich ähnlich äußerten führte diese anhaltende Kritik zu einer kontinuierlichen Abspeckung an ausstellenden Galerien. Magersucht auf Kölsch.
Aus Sicht der Galeristen, die auch immer eine schlankere Messe wünschten, mag dies noch verständlich sein. Sind die Chancen rote (Verkaufs-)Punkte an die Exponate hef-ten zu können mathematisch – logisch höher wenn die Konkurrenz numerisch ab-nimmt. 300 potentielle Kunden könnten bei 300 Ausstellern nur einen Verkauf je Ga-lerie ergeben, bei der Hälfte an teilnehmenden Galerien (wie für 2008 geplant) ver-doppelt sich somit die Chance auf Verkäufe.
Zu kurz gesprungen. Der Erfolg der Art Cologne - ehemals – gründete vor allem in ihrem Image, dem Image das breite Spektrum gegenwärtiger Kunst wiederzuspiegeln. Der notorische „Kölner Klüngel“ unter den Galeristen wird dazu führen, dass viel Spannendes und Aufregendes nicht in Köln ausgestellt wird. Wohlfeile und elitäre Ga-lerien werden wohlfeile und elitäre Kunst präsentieren. Aus dem Blick verloren haben die Veranstalter der Art Cologne nämlich den modernen Kunstinteressierten. Ihnen schwebt immer noch der klassische Kunstsammler vor, der durch die Ausstellung schlendert und sich für Picasso oder Schmidt-Rottluff interessiert und nebenbei einen Chagall ersteht. Geschmack jedoch verändert sich, die heutigen potentiellen Kunst-käufer entstammen einer Generation, die früher PopArt Poster an den Wänden hatte oder Plattencover rahmte.
Das Angebot der Art Cologne muss moderner werden, ebenso wie das der Kölner Ga-lerien.
Neuerungen wurden in der Vergangenheit in Köln viele eingeführt, gegriffen hat nichts. Besonders negativ wirkte sich der Umzug in die neuen Ausstellungshallen aus. Das, für eine Kunstmesse unvergleichlich perfekte, Ambiente der alten Rheinhallen steht nicht mehr zur Verfügung. Die Koelnmesse machte nun gleich mehrere Fehler. Bei der Planung für das neue Messegelände hat wohl niemand daran gedacht, dass auch diverse Kunstmessen zum Portfolio der Koelnmesse gehören. Dies hätte bei der Planung berücksichtigt werden können und eine attraktive Ausstellungsfläche geschaf-fen werden können. Die jetzigen Ausstellungshallen der Art Cologne sind nicht geeig-net für eine Kunstmesse. Allein der verschachtelte Zugang, die unglücklich mitten im Gelände gelegenen sterilen Hallen, die wenig einladende Parkplatzsituation, die noto-risch unfreundlichen Parkwächter: das Ambiente stimmt einfach nicht. Unfreundlich auch die Atmosphäre in den Hallen. Die Innenarchitekten haben offenbar kein Gefühl für Kunst und ihr Publikum. Wo sonst wird eine Champagnerbar direkt vor dem Zu-gang zur Toilette aufgebaut? Das Catering in den Kölner Messehallen ist weit über die Art Cologne hinaus als schlecht und zu teuer bekannt. Wenn jetzt auch noch eine der vier Ebenen wegfällt, werden die Gastalter der Ausstellung wieder die in Köln so be-liebten Betttücher über die gesperrten Treppen spannen, die auf unnachahmlich ästhe-tische Weise auf nicht genutzte Ausstellungsflächen verweisen.
Auch die Atmosphäre stimmt nicht mehr. Besucher der Vernissage glauben mitunter im Karneval gelandet zu sein. Seit die Koelnmesse zur Vernissage Freibier ausschenkt, versammeln sich die Besucher mehr um die diversen Bars anstatt in den Kojen der Galerien. Und: jederzeit muss damit gerechnet werden, dass die dort Versammelten Lieder lustiger Schnauzbarträger - genannt Höhner – anstimmen. Für eine Vernissage eine wahrhaft befremdliche Stimmung. Gerade einem Kölner Unternehmen sollte be-kannt sein, dass der Rheinländer „bei lecker Kölsch“ spontan alles um sich herum ver-gisst. Obwohl, die Vernissage ist keine wirkliche mehr. Direkt nach der Eröffnungs-pressekonferenz gibt es den so genannten Professional-Preview, die Vernissage vor der Vernissage. Jeder Intendant eines Theater würde umgehend entlassen, wenn er, während das Premieren-Publikum ins Theater strömt, im Foyer noch plaudert oder die ersten Plätze besetzt, schon einmal auf der Bühne das Stück spielen ließe.
So sind die Kölner Hallen schon gut besucht, während hier und dort noch Bilder auf-gehängt werden, oder noch die Staubsauger röcheln. (link SZ) Eine Verbindung einer-seits zwischen Freibier und einer gut besuchten Vernissage und andererseits leeren Messehallen an den übrigen Tagen herzustellen verbietet die Höflichkeit.
Bleibt die Frage ob die Art Cologne noch gerettet werden kann? Möglich wäre dies schon, doch sind die Beteiligten dazu in der Lage? Der Koelnmesse kann dies nicht zugetraut werden. Zu opportunistisch hat sie in der Vergangenheit auf jedwede Kritik reagiert und mit der Intention es allen Recht zu machen eine klare Linie vermissen las-sen. Auch fehlt im Management der Messe die Person, die ein Gefühl für Kunstmessen hat, die erfolgreiche Art Cologne möglicherweise noch erlebt hat, um stringent das schlingernde Schiff auf einen stabilen Kurs zu bringen. Die größte Gefahr für die „Mut-ter aller Kunstmessen“ geht jedoch von den beteiligten Galerien aus. Eitelkeiten, Kon-kurrenzneid und eben der typische Kölsche Klüngel verhindern echte notwendige Re-formen. Es sieht nicht gut aus.
(meinolf bauer / dpa)
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